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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE SEKUNDÄREN

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jamais que la petite Serbie soit mangee par l'Autriche." Der bayrischeGeschäftsträger hatte den Eindruck, den er auch pflichtgemäß nachMünchen meldete, daß der Staatssekretär über die Münchener Warnunggelächelt" habe. Als sich aber das Gepolter in St. Petersburg in denKanonendonner des Weltkrieges verwandelte, lächelte der kleine Jagownicht länger. Wie sein Chef Bethmann, verlor auch Jagow vollständig dieNerven. Zu dem Reichstagsabgeordneten Heckscher, der ihn am 2. Augustbesuchte, sagte er, wie dieser mir nicht lange nachher erzählte:Ich habedas Herz nicht in den Hosen, ich habe es in den Stiefelspitzen."

Neben Bethmann und Jagow spielten Zimmermann, Stumm undBergen eine mehr sekundäre Rolle. Den größten Einfluß übte Wilhelm Das Aus-Stumm aus, weil er der einzige in dem Konsilium war, der London und "> art ig e ^St. Petersburg aus eigener Anschauung kannte. Als während des Krieges ineiner Geheimsitzung der Budgetkommission des Reichstages über die Ent-stehung des Krieges diskutiert wurde, frug, wie mir später der anwesendeReichstagsabgeordnete Prinz Heinrich Carolath vertraulich erzählte, einSozialist die Regierungsvertreter, ob es wahr sei, daß der WirklicheLegationsrat Wilhelm von Stumm Ende Juli 1914 im Union-Klub in Berlin vor Zeugen geäußert habe:Bis morgen vormittag habe ich die Russen indie Knie gebracht!" Von Seiten der Regierungsvertreter erfolgte keineAntwort. Daß Wilhelm Stumm nicht wie sein Chef Bethmann aus Ein-fältigkeit und Ungeschick, sondern mit Übermut den Ernst der Situationverkannte, dürfte leider keinem Zweifel unterhegen.

Anders lag die Sache bei dem Unterstaatssekretär Zimmermann. Derwar ein wackerer Mann, der, wenn er im Konsulatsdienst gebheben wäreoder im Auswärtigen Amt nur als Arbeitsbiene gewirkt hätte, sich bestensbewährt haben würde. Noch mehr wäre er als Oberstaatsanwalt oderRegierungspräsident in seiner ostpreußischen Heimat am Platze gewesen.Er hätte sich dort allgemeiner Achtung und Beliebtheit erfreut. Wenn erzum Frühschoppen erschienen wäre, würde ihm im GasthofZum Preu-ßischen Adler" oderZur Linde" von allen Seiten entgegen gerufen wordensein:Herr Präsident! Herr Oberstaatsanwalt! Ich komme Ihnen einenGanzen!" Von europäischer Politik verstand Zimmermann nicht viel, diein Petersburg und Paris, in London und Wien maßgebenden Leute kannteer nicht. Und dabei neigte seine ganze Natur zuforschem" Auftreten.Durchaus gewissenhaft, im Gegensatz zu Jagow und auch zu Bethmann,ein Feind jeder Intrige, ehrlich und loyal, hat er doch durch seine drauf-gängerische Art zur Verschärfung der Krise beigetragen.

Der Dezernent für die Dreibund-Angelegenheiten, Diego von Bergen ,der Sohn eines Pommern, der es im Konsulatsdienst bis zum VertreterDeutschlands bei einer zentralamerikanischen Republik gebracht hatte,