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DIE STIRNLOCKE DER FORTUNA
süddeutschen UltramoDtanen, hätten gegen den Friedensstörer gezetert.Ich glaube, ich hätte zurücktreten müssen."
Im Hochsommer 1914 hatten wir noch am 25. Juli die Möglichkeit, denDie serbische Krieg zu vermeiden. Wir brauchten nur in Wien zu erklären, daß wir unterAntwort an keinen Umständen den Abbruch der Beziehungen zwischen österreich -Österreich Ungarn und Serbien gestatteten, bevor wir selbst die serbische Antwortgenau geprüft hätten. Gehe Österreich-Ungarn ohne unsere Erlaubnismilitärisch gegen Serbien vor, so tue es dies auf eigene Gefahr, ä ses propresrisques et perils; wir würden ihm in diesem Falle nicht zu Hilfe kommen,sondern es seinem Schicksal überlassen. Nach Prüfung der serbischen Ant-wort mußten wir öffentlich erklären, wir konstatierten mit Genugtuung,daß die serbische Regierung dank den weisen Ratschlägen aller Großmächtefast alle österreichischen Vorschläge angenommen habe. Wir schlügen gleich-zeitig vor, die noch streitigen Punkte dem Haager Schiedsgericht zuunterbreiten. Damit war 9 gegen 1 der Friede gerettet. Das hat der unglück-liche Kaiser Wilhelm IL klarer erkannt als Bethmann und Konsorten.
Um sein Probe- und Meisterstück in der diplomatischen Kunst ungestörtanfertigen zu können, hatte Bethmann seinem Souverän geraten, die ge-wohnte Nordlandreise ja nicht aufzugeben. Auch als die Krisis sich immermehr zuspitzte, bat Bethmann den Kaiser inständig, weder die deutscheFlotte aus den norwegischen Gewässern zurückzuziehen, noch selbst in dieHeimat zurückzukehren. Als ihm fern im Norden, in Odde am Utnefjord,die serbische Antwort vorgelegt wurde, schrieb Wilhelm II. ad marginem:Er begreife nicht, was die Österreicher mehr wollten; sie hätten einenschönen diplomatischen Erfolg erzielt. Gleichzeitig telegraphierte im Auf-trage des Kaisers der Generaladjutant Plessen an den Chef des General-stabes, Moltke, daß für Österreich-Ungarn jeder Anlaß zum Kriege fort-falle, da Serbien die meisten österreichischen Forderungen zugestandenhabe. Die Alten sagten bekanntlich, daß die Fortuna eine schöne Stirnlockehabe, aber einen glattrasierten, kahlen Hinterkopf; wer sie nicht rasch beider Locke ergreife, der hielte sie nicht mehr fest. Bethmann und Jagowwußten die Stirnlocke nicht zu fassen. Sie ließen die Österreicher freigewähren. Sie sahen mit apathischer Ruhe und in völliger Indolenz zu, alsder k. und k. österreichisch -ungarische Gesandte, fast unmittelbar nach demEmpfang der serbischen Antwortnote und ohne sie zu prüfen, Belgrad verließ und damit die Beziehungen zu Serbien abbrach. Sie ließen esgeschehen, daß Österreich noch am gleichen Abend die Teilmobilmachunggegen Serbien anordnete. Sie wichen, Österreich zu Liebe, um das öster-reichische „Prestige" zu schonen und den Hochmut Seiner ApostolischenMajestät nicht zu verletzen, beharrlich allen englischen Konferenz-vorschlägen aus und belasteten sich und uns mit dem Schein der Ab-