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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BETHMANN BITTET UM SEINEN ABSCHIED

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geneigtheit gegen jede friedliche Regelung. Würde ein Staatsmann vonRessourcen und Geschick derart alle Möglichkeiten haben vorübergehenlassen, die hereinbrechende Katastrophe zu verhüten ? Meine Antwort ist:Nein! Die deutsche Regierung von 1914 ließ sich vom Strom treiben, ohneauch nur den Versuch zu machen, durch eine Drehung des Steuers imletzten Augenblick der drohenden Stromschnelle zu entgehen und dasstolze Schiff des Deutschen Reiches scheiterte!

Als Kaiser Wilhelm endlich am 27. Juli aus Odde nach Berh'n zurück-kehrte, richtete er an den ihn mit verstörtem Gesicht und in demütiger Kaiser undHaltung erwartenden Kanzler Bethmann, nur in viel schärferer Form, die KanzlerFrage, die ich einige Tage später in höflicher Tonart an meinen Nachfolgerrichten sollte: Wie das alles gekommen sei? Der Unmut und die zornigeErregung des Kaisers waren begreiflich, denn Bethmann hatte SeinerMajestät bis zuletzt versichert, daß dem Frieden keine Gefahr drohe unddaß er insbesondere mit England in steter Fühlungnahme und in bestemEinvernehmen stünde. Graf August Eulenburg, der dieser Auseinander-setzung des Kaisers mit dem Kanzler beiwohnte, erzählte mir, daßBethmann Hollweg ganz zerschmettert dem Kaiser erklärt hätte, er habesich allerdings in jeder Richtung getäuscht und bäte um seinen Abschied.Seine Majestät der Kaiser habe ihm erwidert:Sie haben mir diese Suppeeingebrockt, nun sollen Sie sie auch ausfressen!"

So kläglich unsere diplomatische Leitung im Hochsommer 1914 war, sobewunderungswürdig war die Haltung des deutschen Volkes. Erhobenen DieHauptes, ohne mit der Wimper zu zucken, entschlossen und einmütig ging militärischedie Nation dem Krieg gegen eine Welt von Feinden entgegen. Die eigent- ^ ünrun Sliehe Mobilmachung dauerte nur fünf Tage. Sie ging glatt und tadellos vorsich. Dann rollten die Aufmarschtransporte gen West und Ost in langerFolge. Nirgends entstand eine Reibung. Es bedurfte nicht einer einzigenRückfrage an den Großen Generalstab in Berlin . Genau zur festgesetztenZeit, vierzehn Tage nach Verkündigung der Mobilmachung, standen dieArmeen in ihren Aufmarschräumen. Alles hatte geklappt, um einenmilitärischen Ausdruck zu gebrauchen. Wie denn überhaupt unser staat-licher Organismus, das Räderwerk des staatlichen Mechanismus bei diesergroßen, dieser höchsten Prüfung sich glänzend bewährte. Nur die stra-tegische Führung versagte, wie die diplomatische versagt hatte. Moltke versagte, wie Bethmann Hollweg versagt hatte. Und mit beiden versagteder Kaiser, der es nicht verstanden hatte, an die allerentscheidendstenStellen die richtigen Männer zu setzen. Mit Recht lehrte schon vor über2000 Jahren ein griechischer Philosoph, daß ein Heer von Hirschen, voneinem Löwen geführt, einem Heer von Löwen überlegen wäre, das einHirsch kommandiere. Nie werde ich den Anbück der heldenhaften Jugend