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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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ERZBERGER

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und zwanzig Jahre früher als Botschafter beherbergt hatte. Am Nach-mittag Heß sich Flotow melden. Haltung und Ausdruck hätten jedemSchauspieler als Vorbild dienen können, dem die Rolle des Sekretärs Wurmin SchillersKabale und Liebe " zugefallen wäre.Ist mir's doch", meintder redliche Stadtmusikant und Kunstpfeifer Miller in dembürgerlichenTrauerspiel" des jugendlichen Schiller über den Haussekretär des Präsi-denten von Walter,wie Gift und Operment, wenn ich den Federfuchserzu Gesichte krieg." Herr von Flotow betonte, daß er mit ausdrücklicherErmächtigung des Reichskanzlers und des Staatssekretärs Italien nichtverlassen, sondern seinen Urlaub dort verleben und seinen Wohnsitzbisauf Weiteres" nach Neapel verlegen werde.

Wenige Tage später traf der Abgeordnete Erzberger in Rom ein. Seitmeinem Zerwürfnis mit dem Zentrum hatte mich kein Mitglied dieser Partei Bekanntschaftschärfer angegriffen als er. Von ihm namentlich war das Märchen aus- mlt Erzberger gegangen, das von dem früheren Regierungsrat Martin und dem Chef-redakteur des PariserFigaro", Gaston Calmette , weitergesponnen wurde,daß ich den Plan verfolgt hätte, den Kaiser zur Abdankung zu zwingenund mich zum Präsidenten der deutschen Republik proklamieren zu lassen.Die persönliche Bekanntschaft von Erzberger hatte ich noch nicht gemacht.Als er in mein Arbeitszimmer trat, sah ich einen mittelgroßen, untersetztenMann vor mir stehen, unbeholfen in Bewegungen und Gesten, mit derbenGesichtszügen.Er sieht aus wie ein Bierstöpsel", meinte eine ungarischeGräfin, der ich ihn bald nachher vorstellte. Aber in der Unterhaltung, diesich nun entspann, trat mir ein Mann von rascher und beweglicher Auf-fassungsgabe entgegen, nicht geistreich, noch weniger gebildet, aber nichtaufs Maul gefallen. Der Gerber Kleon würde in Erzberger einen ihm ver-wandten Demagogentypus erkannt haben, bei aller sonstigen Verschieden-heit zwischen dem Athener und dem Buttenhäuscr. Albert Ballin sagte mireinmal von Erzberger, er sei tüchtig, aber es fehle ihm das eigentlicheFundament. Der feingebildete Abt-Primas des Benediktiner -Ordens, Frei-herr von Stotzingen, meinte nach einer längeren Unterredung mit Erz-berger:Es fehlen ihm die Humaniora." Papst Benedikt XV. gab, wieich gelegentlich schon erwähnte, nachdem er ihn in Audienz empfangenhatte, seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß der Signor Erzberger,der im Parlament vielleicht ganz gut am Platze wäre, sich als Di-plomat betätigen wolle, wozu er sich in keiner Weise eigne. MatthiasErzberger hat während der letzten Jahre des Krieges und auch nachdem Umsturz viele und schwere politische Fehler begangen. Er hatgroßen Schaden angerichtet. Um so mehr ist es Pflicht, hervorzuheben,daß sein Verhalten in Rom loyal war, daß er dort gute Dienste ge-leistet hat.

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