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ERZBERGERS TRAURIGES ENDE
Er fing damit an, mir zu sagen, daß er mich nur aus Parteirücksichtenangegriffen, sich aber dabei gar nichts Böses gedacht habe und jetzt Ver-ehrung und Bewunderung für mich empfinde. Ich könne mich vollständigauf ihn und seine Ehrlichkeit verlassen. Bethmann und Jagow hätten ihnaufgefordert, nach Rom zu fahren, ihm auch eine besondere Chiffre mit-gegeben und ihm gesagt, er möge über seine Beobachtungen namentlichüber mein Verhalten ihnen rückhaltlos berichten. Natürlich wären die Ab-sichten des Kanzlers und des Staatssekretärs bei dieser Aufforderung nichtgerade freundlich für mich gewesen. Er würde aber nach Berlin nichtstelegraphieren noch schreiben, was er mir nicht vorher gezeigt hätte.Diesem seinem Versprechen ist Erzberger treu geblieben. Er hat mir alleseine Berichte und Meldungen nach Berlin vorher vorgelegt, mich auch überseine in Rom geführten politischen Gespräche genau informiert. Als er,nicht ohne Grund, für seine persönliche Sicherheit fürchtete, weil seinehäufigen Besuche im Vatikan von der italienischen Presse abfällig kritisiertworden waren, forderte ich ihn auf, bei mir in der Villa Malta Wohnung zunehmen, und zeigte gleichzeitig der Consulta an, daß der Abgeordnete Erz-berger von mir der Botschaft interimistisch attachiert worden sei. Der guteMatthias schien dies als eine erfreuliche Vorbedeutung für künftigen diplo-matischen Aufstieg aufzufassen. Ich räumte ihm zwei schöne Zimmer imzweiten Stock ein, von wo er einen herrlichen Rundblick auf die EwigeStadt, die mächtige Kuppel der Peterskirche und die Berge hatte, die Romumkränzen. Er war mir und meiner Frau ein angenehmer Hausgenosse. Erwar natürlich und behaglich, er konnte auch drollig sein, wenn er, gemütlichschwäbelnd, von Berlin erzählte. Er wisse selbst nicht, warum der Reichs-kanzler einen solchen Affen an ihm gefressen hätte. Er müsse mindestenseinmal wöchentlich bei ihm speisen. Neulich habe „der Herr Kanschler" zuihm gesagt: „Wie fangen Sie es nur an, um so viele gute Einfälle zu haben ?Mir fällt nie etwas ein." Erzberger erzählte das ohne jede Ironie.
Als der Arme später ein so trauriges Ende fand, übersandte mir seineWitwe die Traueranzeige mit seinem Bild, das als Unterschrift die Wortedes Apostels Paulus trug: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habeGlauben gehalten." So erschien er nicht nur seiner Familie, seinen näherenFreunden, seinen Landsleuten in Buttenhausen, sondern auch einem großenTeil des klerikalen wie des demokratischen Deutschland . Ein anderer Teildes Volkes sah in ihm einen Schädling, ja einen Verbrecher. Ein deutscher Gerichtshof, ehrenhafte und in jeder Beziehung hochstehende Richterhaben ihm Ausbeutung seiner politischen Stellung für private Erwerbs-zwecke bescheinigt. Der Advokat seines Gegners Helfferich schlug auf dievor ihm hegende Mappe und rief zu Erzberger gewandt: „Hier ist Material,mit dem jeder Assessor ein Dutzend Prozesse gegen Sie anstrengen und