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noch den Charakter des Ministers des Äußern. Er wollte lediglich bei demgroßen Wirrwarr der Welt, bei dem ungeheuren Durcheinander, irgendetwas für sein Land profitieren. Seine Stellung im Parlament beruhtedarauf, daß er über die Suada des Südländers verfügte, während SidneySonnino unbeholfen sprach, meistens, was in den Parlamenten romanischerVölker eine große Seltenheit ist, nicht frei, sondern mit dem Konzept dervorher von ihm ausgearbeiteten Rede in der Hand.
Sonnino setzte mir von vornherein seine Auffassung der Situation mitErklärungen Klarheit und Offenheit auseinander: Die Entente stelle Italien alle vonSonninos Italienern bewohnten österreichischen Gebietsteile als Kriegsziel in Aus-sicht. Wenn eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Italien und derhabsburgischen Monarchie vermieden werden solle, müsse Osterreich auchseinerseits Zugeständnisse machen, in konkreter, in bindender Form. SolcheZugeständnisse müßten auch in anständiger Form erfolgen. Sie dürftenItalien nicht hingeworfen werden, wie man einem lästigen Bettler einAlmosen zuwerfe. Sie müßten der Ausdruck des aufrichtigen Wunsches sein,zwischen den alten Gegnern Österreich und Italien ein festes, sicheres,klares und dauerhaftes Freundschaftsverhältnis herzustellen. Sie müßtenvor allem so bald als möglich erfolgen. Das Minimum solcher Zu-geständnisse wäre der Trentino , der überdies nicht althabsburgischerBesitz sei, sondern bis zum Wiener Kongreß erst ein selbständiges Bistum,dann ein Teil des vom Vizekönig Eugen Beauharnais regierten KönigreichsItalien gewesen wäre. Natürlich werde von vielen Italienern die An-gliederung der überwiegend von Italienern bevölkerten Stadt Triest gefordert. Gegen die Vereinigung von Triest mit ItaUen sprächen abermancherlei Bedenken: entweder würde ein aufblühendes Triest das ihm sonahe gelegene Venedig schädigen, dessen Handel gerade in den letztenJahren von der italienischen Regierung mit Mühe und beträchtlichenSummen gefördert worden wäre, oder Triest würde verkümmern, das beider Vereinigung mit Italien sein jetziges Hinterland verlöre. Gegen dieErwerbung von Istrien und noch mehr von Dalmatien spräche die Er-wägung, daß in diesen Teilen der habsburgischen Monarchie das italienische Element gegenüber dem serbisch -kroatischen ganz in der Minderheit sei.Die sofortige und vorbehaltlose Abtretung des rein italienischen Teils vonTirol, des Trentino, Autonomie für Triest im Rahmen der habsburgischenMonarchie sowie eine bessere Behandlung der Italiener in Istrien und inDalmatien seien jedoch unerläßlich.
Sonnino erinnerte mich bei diesem Anlaß daran, daß, nicht allzu langevor dem Beginn des Weltkrieges, österreichische Ungeschicklichkeit mitder plötzlichen Ausweisung zahlreicher italienischer Staatsangehöriger ausTriest in Italien eine Erbitterung hervorgerufen hätte, die beim Beginn des