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RASCH HANDELN!
Stimmung gegenüber der Familie Hohenlohe versetzte diese in Wonne.Aber die politische Konsequenz dieses Knabenstreiches war übel, doppeltübel so kurze Zeit vor der Ultimatums-Aktion.
Ich gewann in allen Unterredungen mit dem Minister Sonnino ebensoBülows wie aus den Äußerungen meiner Freunde und Bekannten in Rom denIntervention Eindruck, daß es vor allem darauf ankäme, rasch zu handeln, wenn esgelingen sollte, ein Vorgehen der Italiener gegen Österreich noch im letztenAugenblick zu verhindern. „Bis dat qui cito dat", wiederholte ich demösterreichischen Botschafter Macchio und in meinen Berichten und Briefennach Berlin . Ich konnte nicht genau bestimmen, wie weit, und vor allem,wie fest sich Italien vor meiner Ankunft gegenüber der Entente gebundenhatte. Ich fühlte, daß die vorbereitenden Besprechungen und Verhand-lungen schon sehr weit gediehen waren, daß aber noch keine endgültigeund unwandelbare Bindung vorlag. Es kam also darauf an, baldmög-lichst bei den maßgebenden italienischen Staatsmännern die Überzeugungzu erwecken, daß Österreich ohne Hintergedanken das Minimum deritalienischen Forderungen erfüllen würde, und gleichzeitig im italieni-schen Volk eine Bewegung hervorzurufen, die eine Befriedigung der italie-nischen Aspirationen auf dem Wege friedlicher Verhandlungen demWürfelspiel des Krieges vorzog. Was ich in diesem Sinne tat, die Ent-schlossenheit, mit der ich mein persönliches Ansehen einsetzte, um denAusbruch des Krieges zwischen Italien und Österreich zu verhindern, solltenicht den Interessen der habsburgischen Monarchie, sondern denen meinesdeutschen Vaterlandes dienen, das schon gegen so viele Feinde kämpfte.
Ich sah voraus, daß ein Krieg zwischen Italien und Österreich uns miteiner schweren militärischen Hilfsaktion belasten würde. Ich bin übrigensnoch heute der Meinung, daß Italien , wenn es 1915 nicht in den Krieg gegenÖsterreich eingetreten wäre, später mehr als eine Gelegenheit gefundenhätte, ohne Kampf, Opfer und Blutvergießen den Trentino , die Autonomievon Triest und eine bessere Behandlung der Italiener in Österreich zuerreichen. Wäre Italien neutral geblieben, so hätte es während des Welt-krieges allen ein Asyl bieten und nach allen Seiten exportieren können. DieLira stünde dann heute so hoch wie der Schweizer Franken . Ich glaubeweiter, daß Italien, als es im Frieden von Versailles aus den Händen derEntente große, von Deutschen und Südslawen bewohnte Gebietsteileentgegennahm, nicht nur gegen das Nationalitätsprinzip verstieß, auf dases sich selbst so oft berufen hatte, sondern auch gegen sein eigenes, wahresund dauerndes Interesse. Ohne das Eintreten von Italien in den Krieg wärees schwerlich zu dem Frieden von Versailles gekommen, der, wenn nichtdie völlige Vernichtung, so doch die Verkrüppelung, eine namenloseSchwächung Deutschlands , der die Aufhebung des europäischen Gleich-