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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS HAUS SAVOYEN

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und vornehmen Charakter in meiner in jeder Beziehimg schwierigen undgefährdeten Stellung die wertvollsten Dienste leistete.

Die italienische Gesellschaft zeichnete sich durch den Takt und das feineGefühl aus, die alten Kulturvölkern eigen zu sein pflegen. Während derfünf Monate meiner Tätigkeit in Rom wurde mir von allen Seiten, sowohlvon denen, die den Krieg mit Österreich wollten, den sogenannten Guerri-fondaji, wie von den Gegnern des Krieges mit gleicher Höflichkeit undAchtung begegnet. Dem entsprach die Haltung des Volkes. Selbst in denTagen, wo Presse, Parlament und Straße die Kriegsfrage in der heftigstenund leidenschaftlichsten Weise erörterten, wurde ich bei meinen täglichenSpaziergängen auf dem Corso, in der Villa Borghese oder auf dem Pincio niemals bedroht oder auch nur durch Neugierde belästigt.

Wenige Tage vor der italienischen Kriegserklärung an Österreich einer der ausgesprochensten Anhänger der Kriegspolitik an meinem Tisch, Gespräch mitder General Graf Morra. Er hatte in der Schlacht von Novara, 1849, als dem Generalblutjunger Offizier in den Reihen der piemontesischen Armee gekämpft. MorraEr hatte den König Carlo Alberto vor sich gesehen, wie dieser durchdie Reihen des Heeres ritt in der schwermütigen Haltung, mit der derHerrscher auf seinem Monument nahe dem Quirinal dargestellt ist. Als derKönig den jungen Morra erkannte, den Sohn seines Hofmarschalls, reichteer ihm freundlich die Hand und sagte zu dem Jungen, er habe ihm Grüßevon seinem Vater zu bringen, dem er Ehre machen möge. Aus dem Leutnantvon Novara wurde mit der Zeit ein General, später der Erzieher des KönigsViktor Emanuel III. und endlich der Botschafter in St. Petersburg . SeinStandpunkt, den er gegenüber seinem früheren Zögling und dessen Muttervertrat und den er auch mir im Winter 1914/15 nicht verhehlte, war: DasHaus Savoyen muß, gleichgültig gegen alle anderen Erwägungen, unbeirrtdurch Widerspruch und Zweifel, immer mit der italienischen Nationalideegehen. In den bangen Tagen, wo Carlo Alberto schwankte, ob er, treu denbisherigen Traditionen seines Hauses, mit den Österreichern gehen solleoder gegen die Österreicher mit der national-revolutionären Bewegung,sagte der zu Melancholie neigende Monarch zu seinem Hofmarschall Morra:Je suis entre le poignard des Carbonari et le chocolat des Jesuites." Er gingmit den Carbonari, wurde bei Novara besiegt, starb im Exil in einemportugiesischen Kloster, in Oporto, behielt aber doch recht. Und sein Sohnhatte recht, trotz Novara die nationale Politik fortzusetzen. Die Politik vonCavour wurde von dem größeren Teil des piemontesischen Adels und fastder ganzen Geistlichkeit heftig bekämpft. Sie hat uns aber nach Mailand, Florenz, Neapel, Palermo und schließlich nach Rom geführt. Der Einmarschin Rom stieß auch in Norditalien, und gerade in Piemont, wo seit jeher dieKirche großen Einfluß ausübte, auf Tadel und Widerspruch. Aber trotz

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