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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE NEUEN MINISTER

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als der gute Prinz sich das vorgestellt haben mochte. Unter dem Eindruckder ungewohnten Anstrengungen und Aufregungen konnte er bald nichtmehr schlafen. Er grüT zu Schlafmitteln, was wiederum zur Folge hatte,daß er am nächsten Tag erst am Nachmittag arbeitsfähig wurde. SeineMinisterkollegen, die Sozialisten Scheidemann und Bauer, die KlerikalenErzberger, Groeber und Trimborn, die Demokraten Haußmann und Payer,waren keine französischen Jakobiner, keine Revolutionäre großen Stils. Siehaben Gott sei Dank keine Guillotine errichtet, aber sie haben auch keineLevee en masse veranstaltet, nicht vierzehn Armeen aus der Erde gestampft,eine Marseillaise flog ihnen nicht voran. Wohl aber war bei einiger Festig-keit, mit etwas Geschicklichkeit ganz gut mit diesen Tiefenbachern auszu-kommen. Als ich einen links, sogar sehr links gerichteten Abgeordneten beieiner gelegentlichen Begegnung, nicht lange vor dem Umsturz, frug, obnach seiner Ansicht Herr Scheidemann Heber Minister der deutschenRepublik werden oder Minister Kaiser Wilhelms II. bleiben wolle, ant-wortete er nach kurzem Besinnen:Doch wohl das letztere, namentlichwenn damit die Aussicht auf die Exzellenz und vielleicht sogar auf einOrdensband verbunden ist." Erzberger strahlte, als er den Wirklichen Ge-heimen Rat und damit die Exzellenz erreicht hatte, und hielt auch nachdem Umsturz als republikanischer Minister nicht wenig darauf, mit Exzel-lenz angeredet zu werden. Der biedere Payer war hocherfreut, als er nachseiner Ernennung zum Staatssekretär von seinem gütigen Landesherrn, demKönig Wilhelm von Württemberg, das Großkreuz des WürttembergischenFriedrichsordens und damit den persönlichen Adel erhielt. Und KonradHaußmann vertraute mir persönlich an, wie glücklich er sei, es bis zumMinister gebracht zu haben. Leider sei vorauszusehen, daß im neuenDeutschland die Ministerherrlichkeit nicht allzu lange dauern würde, eineErkenntnis, welche die Daseinsfreude aller dieser Biedermänner einiger-maßen zu trüben schien. Sein lebhaftester Wunsch wäre nun, nach seinemEnde als Minister seine Wiederauferstehung als Diplomat zu feiern. AlsSüddeutscher fühle er sich für den Posten des deutschen Botschafters inWien besonders geeignet. Sollte er, wie er hoffe, einmal in den diploma-tischen Dienst übertreten, so würde er sich bei mir,dem Meister derDiplomatie", wie er mit einer Verbeugung hinzufügte, Rat holen.

Inzwischen hatte die von dem aus dem Zuchthaus entlassenen KarlLiebknecht, von Rosa Luxemburg und Paul Levi geleitete, von demSowjet-Botschafter Joffe subventionierte Spartakus-Gruppe immerschamloser ihre revolutionäre Agitation betrieben. Auch das Organ derMehrheitssozialisten, derVorwärts", entblödete sich nicht, an der Spitzedes Blattes zu erklären:Deutschland , das ist unser fester Wille, soll seineKriegsflagge für immer streichen, ohne sie das letztemal siegreich