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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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CLEMENCEAUS TAG

Leimgebracht zu haben." Ich muß mit Bedauern feststellen, daß bei keinemanderen Volke eine große Partei so tief sank, daß in keinem anderen Landeeine derartige Gemeinheit denkbar war. Ich sollte vielleicht besser sagen:Dummheit. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß viele deutsche Sozial-demokraten und manche Zentrumsleute und Demokraten es für möglichhielten, durch eine solche Mischung von Feigheit und Würdelosigkeit unsereFeinde zu versöhnen, sie zu gewinnen und auf diese Weise einerseits nochSchwereres abzuwenden, andererseits eine allgemeine Völkerverbrüderungeinzuleiten. Die Unwissenheit nicht nur der drei leitenden Parteien undihrer Führer, sondern in den weitesten Kreisen des deutschen Volkes überdie Mentalität der uns feindliehen Völker, über die Absichten ihrer maß-gebenden Staatsmänner überstieg jeden BegrilF. Um dieselbe Zeit, wo inDeutschland sich solche Einfältigkeit und solche Niederträchtigkeit breit-machten, verspottete in der Pariser Kammer Georges Clemenceau dieblökenden Schafe des Pazifismus,les moutons belants du paeifisme", unddonnerte: ,,Ich trete vor Sie in dem alleinigen Gedanken an einen unein-geschränkten Krieg. Alle Defaitisten vor das Kriegsgericht! Keinen Pazi-fistenfeldzug mehr! Weder Verrat noch Halbverrat! Mein Wahlspruch ist:Überall führe ich Krieg, in der inneren Politik führe ich Krieg, in deräußeren Politik führe ich Krieg. Ich fahre fort, Krieg zu führen, und werdefortfahren bis zur letzten Viertelstunde, die uns gehören soll."

Als diese letzte Viertelstunde kam, als Deutschland kapitulierte, stießClemenceau Georges Clemenceau , das entscheidende Telegramm in der Hand, einennach der Freudenschrei aus:Enfin! II est arrive ce jour que j'attends depuis unKapitulation demi-siecle t jj es i arr i V e le jour de la revanche! Nous leur reprendronsl'Alsace et la Lorraine, nous retablirons la Pologne , nous forcerons lesBoches ä nous payer dix, vingt, cinquante milliards. Est-ce assez? Non!Nous leur fouterons la republique." So erzählte mir ein langjähriger fran-zösischer Freund, der zu den Intimen von Clemenceau gehörte. Auch das istClemenceau gelungen. Unser Zusammenbruch brachte uns die republi-kanische Staatsform, die für uns nicht paßt. Und es war eine stolze, eineverdiente Ehrung für Clemenceau, den Vorkämpfer und Hauptvertreter derGuerre ä outrance, des Krieges bis aufs Messer, als in allen französischenSchulen nach der Unterzeichnung des Diktat- und Schandfriedens vonVersailles ein Täfelchen aufgehängt wurde mit den Worten:GeorgesClemenceau a bien merite de la France."

Die hilflose Schwäche der Begierung steigerte natürlich die DreistigkeitDie Matrosen- der Spartakusleute. In den letzten Tagen des Oktober hatte die Meutereiauf der Flotte in Kiel begonnen, hervorgerufen, mit russischem Geld, durchden linken Flügel der Sozialdemokratie. Am 4. November siegte die Bevo-lution in Kiel . Auf allen Schiffen wurde die rote Flagge gehißt. Die Garnison

meuteret inKiel