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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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AM BRANDENBURGER TOR

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gegen die humanistische, die wahre und echte Bildung habe ich immereine der Hauptgefahren der Sozialdemokratie gerade für Deutschland erblickt. Ihren prägnanten Ausdruck fand diese Antipathie in einemArtikel, den einige Jahre nach dem Umsturz derVorwärts" brachte undder in dem Satz gipfelte:Der Geist von August Bebel verträgt sich nichtmit dem Geist von Julius Cäsar ." Im Anschluß hieran wurde im sozial-demokratischen Zentralorgan zunächst die Einschränkung, dann die Be-seitigung des Unterrichts in den klassischen Sprachen und damit eine all-mähliche Aufhebung der humanistischen Gymnasien gefordert. Nichts istübrigens richtiger, als daß sich der Geist von August Bebel nicht mit demGeist von Julius Cäsar vertrage. Ich gehe weiter und glaube, daß der Geistvon Perikles sich kaum mit dem Geist von Philipp Scheidemann verträgt,daß Plato und Gustav Bauer, Joseph Wirth und Publius CorneliusScipio , Africanus major, Ledebour und Virgil, der Genosse Zubeil undThucydides sich schwerlich verstanden haben würden.

Ich habe schon hervorgehoben, daß, wenn die deutsche Revolution wiedie aus ihr hervorgegangene Republik die charakteristischen Merkmale Aufphiliströsen Spießbürgertums trug, insbesondere in ihren Führern den den StraßenCharakter vollendeter Mittelmäßigkeit, es dafür wenigstens in Berlin nicht Berllnszu schlimmeren Exzessen kam. Ich selbst fand mehr als eine Gelegenheit,die Harmlosigkeit der Bewegung und die Gutmütigkeit des Berliners zubeobachten. Ich unternahm täglich ausgedehnte Spaziergänge in allenStadtteilen, ohne, obwohl ziemlich bekannt, jemals behelligt zu werden.Ich erinnere mich nur eines Zwischenfalles, der zu einer Friktion hätteführen können. Als ich, von einem längeren Spaziergang nach Charlotten-burg zurückkehrend, gerade im Begriff war, die Straße zu überschreiten,um durch das Brandenburger Tor zu den Linden zu gelangen, wies eingroßer, breitschultriger Mann mit wenig einladendem Gesichtsausdruck aufmich hin und schrie mit lauter Stimme:Das ist ja der Fürst Bülow ! Erwagt es, sich nach dem Sieg des Volkes auf der Straße zu zeigen?!" Ich setztemeinen Weg ruhig fort und drehte mich nicht um, bis ich die Linden er-reicht hatte. Inzwischen war mein Freund verschwunden. Ich habe den-selben Menschen einige Wochen später wiedergesehen, vor dem Hotel Eden,unter anderen Verhältnissen. Er war gefesselt und wurde von Soldaten indas Hotel gebracht, wo das Kriegsgericht der Gardekavallerie-Divisiontagte. Er warf mir einen nicht gerade freundlichen Blick zu, in dem, wieich anerkenne, keine Angst, nur Trotz lag. Als ich nach seinem Namen frug,hörte ich, daß er ein Kommunist sei, der Jogisches heiße. Er soll am näch-sten Tage bei einem Fluchtversuch erschossen worden 6ein.

Vielfach waren es unreife, jugendliche Elemente, die in Berlin der Ent-wicklung der ersten Monate das Gepräge gaben. Als wir noch im Hotel