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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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BISMARCKS REICHSBASIS

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das Deutsche Reich eine an die Zeit des ersten großen Kanzlers erinnerndeMachtstellung eingenommen habe. Es gereiche dem Senat zur besonderenFreude, daß ich künftig meine Sommer in Flottbek, in Hamburgs Nähe, zuverleben gedenke. Aus Bremen schloß sich der Präsident des Senats derHamburger Kundgebung an. Der Bremer Senat empfändeauf dasschmerzlichste", daß ich mich genötigt gesehen hätte, von dem Amt desReichskanzlers zurückzutreten, einem Amt, das ich während langer Jahreunter zum Teil überaus schwerigen Verhältnissen" verwaltet hätte. Nachaußen hätte ich unter Aufrechterhaltung des Friedens das Ansehen desReichs im Rate der Völker befestigt, im Innern wäre ich als Richtschnurdem staatsmännischen Gedanken gefolgt, die Gegensätze auszugleichen undeiner Versöhnung der auseinandergehenden politischen Weltanschauungendie Wege zu ebnen und auf diese Weise darauf hinzuwirken, daß die Partei-kämpfe in Deutschland allmählich weniger gehässig würden.

Ich verhehle nicht, daß das Vertrauen, dessen ich mich bei allen deutschen Bundesregierungen und bei allen deutschen Fürsten erfreute, daß beiderZufriedenheit mit meiner langen Geschäftsführung mir schon im Hinblickauf das launenhafte, rücksichtslose und am Ende meiner Amtszeit fast unge-zogene Benehmen des Kaisers Wilhelm II. eine Genugtuung war, die ichdankbar empfand. Bismarck hat bei der Schaffung des Reichs unsereEinheit und damit unsere Sicherheit und Zukunft mit Absicht und vollerÜberlegung auf die deutschen Fürsten basiert. War das ein Irrtum? Ginger in seiner Mißachtung für die deutschen Fraktionen und Parlamente zuweit? Sein Vorgehen erklärt sich nicht nur aus den Traditionen, in denender Jüngling aufgewachsen war, aus dem Gefühl, mit dem der dreiund-achtzigj ährige Greis sich auf seinem Grabstein als treuen Diener seinesHerrn bezeichnete. Die Erfahrungen seines Lebens flößten Bismarckgroßes Mißtrauen gegen alle deutschen Parteien ein, die ihn alle, von deräußersten Rechten bis zur äußersten Linken, durch Engherzigkeit, doktri-näre Befangenheit und, last not least, durch ihre spießbürgerliche Kleinlich-keit verstimmt hatten. Er vermißte bei allen deutschen Fraktionen dengesunden Menschenverstand, die Achtung vor der Vergangenheit, denRespekt vor Traditionen, hergebrachter Ordnung und bewährter Übung,die seit Jahrhunderten die englischen Parteien auszeichnen. Er vermißtewohl noch mehr den leidenschaftlichen Patriotismus, den jede französische,jede italienische Partei, wenn sie an die Front kommt, an den Tag legt.Er hatte sie alle, die Konservativen und die Liberalen, die Demokraten unddie Aristokraten, mehr als einmal und oft vergeblich ermahnen müssen, dennationalen Gedanken über Deutschland leuchten zu lassen. Unsere Kammer-helden, wie er sie ironisch nannte, imponierten ihm nicht. Nach dem Fiasko,das der deutsche Parlamentarismus 1848/49 gemacht, nach den Blößen,