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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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PARLAMENTARIER

die er sich Bismarck gegenüber während der Konfliktszeit und mehr alseinmal auch später gegeben hatte, war das nicht ganz unverständlich. AlsBismarck mit dem Kulturkampf einen großen innerpolitischen Fehler be-ging, hatten die deutschen Demokraten, Virchow an der Spitze, ihm zuge-jubelt, um ihn bald nachher im Stich zu lassen. Den richtigsten undgenialsten Wendungen seiner Politik, von seiner Stellungnahme zum polni-schen Aufstand von 1863 bis zu seiner kühlen Haltung gegenüber derdeutschen Begeisterung für Alexander Battenberg , dem Battenberg-Bummel, wie er diesen Enthusiasmus verächtlich nannte, von seiner Be-handlung der schleswig-holsteinischen Frage bis zu seinem Übergang zumSchutzzoll hatte dagegen der deutsche Demokrat aus innerster Uberzeu-gungvoll und ganz" opponiert. Aber Bismarck war der einzige, der mitsolcher Mißachtung für Parteien und Parlamente regieren konnte. AlsJahrzehnte später, in einer anderen Zeit, Wilhelm II. ohne die nachhaltigeWillenskraft, die Bismarck ausgezeichnet hatte, in unbesonnenen Bede-wendungen und mit übermütigen Gesten alle Parteien gleichmäßig vor denKopf stieß und die Volksvertretung, wo er konnte, brüskierte, war das nichtnur geschmacklos, sondern auch politisch falsch.

Ich selbst habe immer Wert darauf gelegt, die Parteien nicht unnützDie Partei- zu beleidigen, zu kujonieren, sondern die Volksvertretung mit Achtung undfuhrer: Courtoisie zu behandeln. Gerade auf diesem Gebiet schien mir das Suaviterin modo nicht das Fortiter in re auszuschließen. Darum freute ich mich derAnerkennung, die meine Tätigkeit als Beichskanzler bei den National-Eassermann liberalen fand, deren Führer Bassermann mir am 15. Juli 1909 tele-graphierte :Die nationalliberale Beichstagsfraktion, der es vergönnt war,in Jahren langer gemeinsamer Arbeit die Politik Eurer Durchlaucht zuunterstützen, beklagt aus aufrichtigem patriotischem Herzen das ScheidenEurer Durchlaucht aus dem Amt des Beichskanzlers. Immer das Wohl desGanzen im Auge, des Vaterlandes Größe und Glück erstrebend undfördernd, war Ihre Tätigkeit von reichem Erfolg gekrönt. Für dies getreueWirken für unser Volk danken wir Ihnen. Ihr Name und Ihre Tätigkeitwird der nationalliberalen Beichstagsfraktion unvergeßlich sein." Für dieBeichspartei sprach mir der Abgeordnete Gamp tiefempfundenes Bedauerndarüber aus, daß meine nach innen und außen erfolgreiche Kanzlerschaftein Ende finden sollte.Wir werden die hohen Verdienste Eurer Durch-laucht um die Entwicklung des Beichs immer in dankbarer Erinnerung be-halten. Es gereicht uns zur besonderen Genugtuung, Ihre Politik stets undbis zuletzt unterstützt zu haben." Einer der klügsten Führer der Frei-Schmidt- sinnigen, ein Bheinländer, der Abgeordnete Beinhart Schmidt-Elber-Elberfeld feld, während mehrerer Jahre zweiter Vizepräsident des Reichstags,schrieb mir:Das deutsche Volk kann nur gedeihen bei Beteiligung aller