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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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MONOD

das Reich der starken und zielbewußten Hand Euer Durchlaucht beraubtwird." Adolf von Harnack , der, seitdem die kaiserliche Gnadensonne, anderen Strahlen er sich so gern wärmte, mir nicht mehr leuchtete, sich lang-sam und vorsichtig von mir zurückzog, sandte mir, wohl weil ihn meineFrau eingeladen hatte, in der Villa Malta bei uns Wohnung zu nehmen,wenn er im nächsten Winter in Berufspflichten nach Rom kommen würde,einen liebenswürdigen Abschiedsgruß:Hochverehrter Fürst und Herr!Für alles Wohlwollen, für alles Vertrauen und für die mich beglückendeFreundschaft Ihnen aus bewegter Seele zu danken, ist mir ein tiefes Be-dürfnis. Und lassen mich Eure Durchlaucht auch dafür danken, daß Sie inunseren Staat mit seinen harten und bürokratischen Formen den Geist derHumanität und der Freiheit hineingetragen haben, jener duldsamen undfreudigen Freiheit, die soviel Gutes zu stiften und soviel Widriges zudulden vermag wie die Liebe. Eben diese Freiheit werden Sie und Ihreteuere und verehrte Frau Gemahlin auch über jedes Geschick triumphierenlassen. Debellantes inimicos ab amicis prodimur (Während wir unsereFeinde niederkämpfen, werden wir von unseren Freunden verraten) istdie alte Regel, nach welcher Helden leiden. Aber Avas Sie geschaffen haben,kann nicht zermalmt werden, sondern wird bleiben, teils schon jetzt, teilsals Weissagung für die Zukunft. In treuester Anhänglichkeit und tiefsterVerehrung Eurer Durchlaucht ergebenster von Harnack."

Meine und meiner Frau Lebensfreundin, die sechs Jahre früher am26. April 1903 verstorbene Malvida von Meysenbug, hatte, wie alle Leserihrer so weit verbreitetenMemoiren einer Idealistin" wissen, eine Adoptiv-tochter, Olga Herzen, die Tochter des radikalen russischen Publizisten undAgitators Alexander Iwanowitsch Herzen . Der war der Sohn eines russischenFürsten Jakowleff und eines schwäbischen Mägdeleins, Luischen Haagaus Stuttgart. Herzen war von Kaiser Nikolaus , weil er Hegel gelesen hatte,nach Sibirien verschickt worden. Alexander II. begnadigte ihn, aber nur,um ihn in Nowgorod zu internieren. Von dort gelang es ihm, nach London zu fliehen, wo er die MonatsrevueKolokol" (die Glocke) herausgab, diezum erstenmal im Namen der Grundsätze der Französischen RevolutionSturm gegen den Zarismus läutete, der bis dahin nur durch Palastrevo-lutionen und Adelsverschwörungen bekämpft worden war. Malvida hatteihre Adoptivtochter Olga Herzen mit einem ausgezeichneten französischenGelehrten, dem Historiker, Direktor der Revue historique und der ficoleGabriel normale in Paris, Gabriel Monod , vermählt. Ein patriotischer Franzose,Monod war er gleichzeitig aus Gründen der Humanität wie der Vernunft ein auf-richtiger Friedensfreund. Er schrieb an meine Frau:Nous avons suivi lesevenements de la derniere semaine avec une vive Sympathie, Sympathie quin'etait pas seulement dictee par notre amitie pour Monsieur de Bulow et