HESSEN-KASSEL
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sagte mir unser Hauslehrer: „Das ist Herr Schopenhauer , der über-geschnappte Philosoph, von dem der Herr Doktor Stiebel uns erzählt hat."
In meinem Hauslehrer Lohr hatte ich einen warmherzigen Patrioten zumMentor. Sein Nachfolger Hopf war auch ein Hesse, aber von anderer Rieh- Hauslehrertung. Von ihm sollte ich lernen, wie weit deutsche politische Verstiegenheitgehen kann. Er war aus den Kreisen des Literarhistorikers Vilmar inMarburg hervorgegangen, der in Kurhessen eine der Hauptstützen desultra-reaktionären und starr-orthodoxen Systems Hassenpflug war. Unterden kleinen deutschen Dynastien hat kaum eine mehr gesündigt als dasHaus Kurhessen , das sich durch den Verkauf von hessischen Landes-kindern an England mit Schmach bedeckte. Der Landgraf Friedrich II. ließ zwölftausend arme Hessen in englischem Solde gegen Nordamerika kämpfen, wofür er 21 276 778 Taler erhielt, die ihm dazu dienten, dasprächtige Schloß Wilhelmshöhe zu erbauen. Seine Nachfolger schienenzeigen zu wollen, wie weit man eine ehrliche und treue Bevölkerung inDeutschland kujonieren könne, ohne sie zu offenem Aufruhr zu treiben. Esgibt ein köstliches Gedicht von Chamisso, dem eine wahre Begebenheit zu-grunde Hegen soll. Der Kurfürst streicht eines Abends durch die Straßenseiner Residenz Kassel . Er hört durch ein offenes Fenster, wie ein altesFrauchen laut zu Gott betet um ein recht langes Leben für ihren gnädigenHerrn. Sehr verwundert fragt der Kurfürst die Alte, wie in aller Welt siezu solchem Gebet komme. Sie erwidert ihm, der Großvater des regierendenKurfürsten habe ihr von acht Kühen die beste genommen, weswegen sieihm geflucht habe. Ihm sei sein Sohn gefolgt, der ihr zwei Kühe abge-nommen habe. Sie habe auch diesem geflucht, und arg geflucht.
Dann kamen höchst Sie selbst an das ReichUnd nahmen vier der Kühe mir gleich.Kommt dero Sohn noch erst dazu,Nimmt der gewiß mir die letzte Kuh.Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr,Recht lange leben, ich bitte dich sehr!Die Not lehrt beten.
Das Gedicht ist überschrieben „Das Gebet der Witwe". Das skandalösePrivatleben dieser Kurfürsten stand auf der Höhe ihrer sinnlosen Regie-rungs-Praxis. Trotzdem fanden sie Anhänger, die ihnen durch dick unddünn folgten und ihnen auch nach ihrem Sturz treublieben, als Kurhessen1866 aus solcher Mißwirtschaft erlöst und mit Preußen vereinigt wurde.Zu diesen Eigenbrötlern gehörte auch mein Lehrer Hopf. Er redigiertewährend vieler Jahre ein Blatt, das nach der Einverleibung von Hessen indie preußische Monarchie den kurhessischen Partikularismus vertrat. Er
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