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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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102 SADOWA

Der Sieg bei Königgrätz wirkte wie ein Donnerschlag in der Welt, inEuropa und vor allem in Deutschland .Crolla il mondo!" rief der päpst-liche Staatssekretär Giacomo Antonelli , als er die Nachricht erhielt. DieÜberraschung, die selbst für diesen gewiegten und schlauen Staatsmann dieWendung von Sadowa bedeutete, entschuldigt bis zu einem gewissen Gradeden Mangel an Voraussicht, den Napoleon gezeigt hatte. Der Eindruck vonKöniggrätz war vielleicht noch stärker als vier Jahre später die Wirkungvon Sedan. Gewiß, Sedan war dramatischer, großartiger, aber der Sieg vonSadowa war noch unerwarteter. Am Sonntag, der auf den Tag von Sadowafolgte, betrat Pastor Seiler, der mich vier Monate früher konfirmiert hatte,die Kanzel mit den Worten:

Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,

Der uns auf Fittichen des preußischen Adlers sicher geführet."

Ich vernahm das Rauschen dieses Fittichs zum erstenmal in vollerStärke, aber für mein ganzes Leben!

Anders als in Preußen war die Stimmung in Mecklenburg , wo ich dieStrelitz Sommerferien verbrachte. Seiner ganzen Weltauffassung entsprechend,antipreußisch hatte mein Vater, bei aller Freundschaft für Bismarck , die Sprengung desalten Bundes durch den preußischen Ministerpräsidenten schmerzlich be-klagt. Aber, er war ein zu klarer politischer Kopf, er besaß einen zu sicherenBlick für Realitäten, um sich in den Illusionen zu wiegen, die der mecklen-burgische Adel und vor allem der blinde Großherzog hegten. Die Situationlag in Strelitz anders als in Schwerin. Der Großherzog Friedrich Franz II. von Schwerin, ein Neffe des Königs Wilhelm von Preußen , stand nicht nurmit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen auf preußischer Seite.Dagegen teilte sein Minister Oertzen alle Vorurteile der Mecklenburger Feu-dalen gegen den mächtigen norddeutschen Staat, der ihnen, trotz Bismarck ,zu liberal, zu modern und zu militärisch war. Der Strelitzer GroßherzogFriedrich Wilhelm sprach nur von dengreulichen" Preußen . Mein Vaterhinderte ihn aber, diesen seinen Empfindungen so weit die Zügel schießenzu lassen, daß er dabei Krone und Land verlor. Mein Vater dachte nie inengen Formeln, er hatte Sinn für die lebendigen Zusammenhänge der Weltund besaß die Fähigkeit, die Kräfte gegeneinander abzuwägen. Mit anderenWorten: er war ein Staatsmann. Die antipreußische Stimmung in Strelitz war so stark, daß sogar eine Hofdame von preußischer Herkunft, dieBaronin Marie von Bülow-Wendhausen, eine geborene Gräfin Wartens-leben , von ihr ergriffen wurde. Täglich erklärte sie bei Tisch den bei ihr ver-sammelten Freunden, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz müsse demrevolutionär gewordenen Preußen den Krieg erklären. Bis schließlich ihruralter Kammerdiener, der hinter ihrem Stuhle stand, mit breitester