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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GNADE VOR RECHT

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mecklenburgischer Aussprache sagte:Aber Frau Baronin, bedenken wirdoch die geoogrooafische Lage."

Von dieser verständigen Auffassung ging mein Vater aus, als er demGroßherzog klarmachte, daß er sich auf die preußische Seite stellen müsse.Er hat dadurch Strelitz gerettet, aber sich, wie Fürsten manchmal sind,nicht die Dankbarkeit des blinden Großherzogs erworben. Das Verhältniszwischen beiden wurde allmählich unerquicklich. Mein Vater nahm den ihmvon dem Großherzog von Schwerin angetragenen Posten des mecklen-burgischen Gesandten in Berlin mit um so besserem Gewissen an, als ihnBismarck wissen Heß, er würde ihm dort als Vertreter von Mecklenburg be-sonders erwünscht sein. Als solcher hat, wie ich vorgreifend schon hier er-wähnen will, mein Vater vier Jahre später Strelitz noch einmal gerettet,beim Beginn des Deutsch -Französischen Krieges. Der blinde Großherzoghatte meinen Vater nach dessen Versetzung von Strelitz durch einen Han-noveraner ersetzt, einen Baron von Hammerstein, einen ausgesprochenenWeifen, der andere Weifen nach sich zog. Im Juli 1870 wurde das Treibendieser Herren so verdächtig, daß einen Augenblick der Einmarsch preu-ßischer Truppen in Streütz und damit wohl die Einverleibung von Strelitz in Preußen drohte. Mein Vater suchte den Bundeskanzler auf, der ihn trotzder ungeheuren Geschäftslast, die in diesen Tagen auf ihm ruhte, mit alterFreundschaft empfing und ihm sagte:In der großen Seestadt Strelitz scheinen seit Ihrem Fortgang üble Dinge passiert zu sein. Wir könnteneigentlich aus dem Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz einen preußischenKreis machen. Wir wollen aber noch einmal Gnade vor Recht ergehenlassen: einmal wegen der Königin Luise und dann Ihretwegen, alterFreund! Aber sorgen Sie dafür, daß der Saustall reingefegt wird." MeinVater schlug vor, den Erbgroßherzog, der die Vorurteile seiner Eltern gegenPreußen in keiner Weise teile, Seiner Majestät dem König von Preußen zujeder beliebigen militärischen Verwendung zur Verfügung zu stellen, woraufder Bundeskanzler gern einging. Der Erbgroßherzog hat denn auch denDeutsch -Französischen Krieg im Hauptquartier des alten Kaisers mit-gemacht und ist nach seiner 1904 erfolgten Thronbesteigung ein durchausreichstreuer Bundesfürst gewesen.

Nach Halle war, wie nach manchen anderen deutschen Städten, ausBöhmen die Cholera eingeschleppt worden. Sie forderte auch hier zahl- Cholerareiche Opfer. Wenn wir mit dem jungen Andre spazierenritten, begegneten ' n Hallewir nicht selten Bekannten, von denen wir am nächsten Tage hörten, sieseien der Cholera erlegen. Durch alle Straßen zogen Leichenzüge. DieFranckeschen Stiftungen wurden von der Seuche verschont. Das wurdeeinerseits darauf zurückgeführt, daß sie auf einer Anhöhe lagen und so denAusdünstungen und üblen Gerüchen der Stadt entzogen waren. Vor allem