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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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NEUTRALITÄT NICHT OHNE BEDAUERN

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wie in der Schwarzenberg-Bachschen Zeit, von Wien aus regiert zu werden,oder sich ganz von Osterreich zu trennen und dann im slawisch-rumänischenMeer unterzugehen. Der magyarische Stamm stünde und fiele mit demneuen Deutschland .

Die einschüchternde Taktik blieb nicht ohne Wirkung. Am 20. Julirichtete Graf Beust ein ostensibles Rundschreiben an die k. und k. Missionen, Einein dem es hieß:Wenn es uns nicht gelungen ist, Europa und uns selbst die Zirkular-schweren Erschütterungen zu ersparen, welche die unvermeidlichen Rück- DepescheWirkungen des Zusammenstoßes zweier mächtiger Nationen sind, sowünschen wir mindestens die Heftigkeit derselben zu mäßigen. Zur Er-reichung dessen muß die k. und k. Regierung bei den jetzigen Konjunktureneine passive Haltung und die ihr dadurch vorgezeichnete Neutralitätbewahren. Diese Haltung schließt jedoch die Pflicht nicht aus, für dieSicherheit der Monarchie zu wachen und ihre Interessen zu beschützen,indem man sich in die Lage setzt, jede mögliche Gefahr abzuhalten." Andemselben Tage telegraphierte Graf Beust vertraulich an den österreichisch-ungarischen Botschafter in Paris:Sie wollen dem Kaiser Napoleon undseinen Ministern wiederholen, daß wir getreu den Verpflichtungen, wie siein den zu Ende vorigen Jahres zwischen den beiden Souveränen aus-getauschten Schreiben festgestellt sind, die Sache Frankreichs als dieunsere betrachten und in den Grenzen des Möglichen zum Erfolge seinerWaffen mitwirken werden." Als solcheGrenzen des Möglichen" wird dannin der strengvertraulichen Depesche die für Österreich gebotene Rücksichtauf Rußland bezeichnet.Wir glauben, daß Rußland auf seiner Verbindungmit Preußen verharrt, derart, daß unter gewissen Eventualitäten die Ein-mischung russischer Armeen nicht als wahrscheinlich, sondern als gewißanzusehen ist. Man möge sich darüber in Paris nicht täuschen: Die russischeNeutralität hängt von der unseren ab." Es folgt dann ein Passus, aus demdie Angst des österreichisch-ungarischen Reichskanzlers vor seinen deut-schen Landsleuten in Zisleithanien wie sein Mißtrauen gegenüber denMagyaren in Transleithanien hervorleuchtet:Wir dürfen nicht vergessen,daß unsere zehn Millionen Deutschen im gegenwärtigen Krieg nicht einDuell zwischen Frankreich und Preußen, sondern den Anfang eines nationalenKampfes erblicken. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Ungarn sichsehr zurückhaltend erweisen werden, wenn es gilt, ihr Blut und ihr Geld fürdie Wiedergewinnung unserer Stellung in Deutschland zu opfern. Unterdiesen Umständen ist das Wort Neutralität, welches wir nicht ohneBedauern aussprechen, eine gebieterische Notwendigkeit für uns. Aberdiese Neutralität ist nur ein Mittel, nämlich das Mittel, uns dem wirklichenZiel unserer Pohtik zu nähern, das einzige Mittel, unsere Rüstungen zuvollenden, ohne uns einem vorzeitigen Angriff Preußens oder Rußlands