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DER HEILIGE FRANZ
Häusern. Die Kathedrale recht schön, im gotischen Stil. Alle Läden warenoffen, z. T. sehr elegant. Die Straßen wimmelten von französischen Soldaten.Damen sah man nur in Schwarz. Sehr hübsch sind die Quais an der Mosel . Wirritten bis Chazelles, einem kleinen Dorfe auf einer Anhöhe unter dem FortSaint-Quentin. Gestern kamen wir hierher. Betten haben wir natürlichnicht, sondern, wenn es gut geht, Strohsäcke. Auch behält man die Kleiderimmer an, was aber gar nicht unangenehm ist. Ich fühle mich sehr wohl.Schickt mir, wenn es geht, Viktualien, Schokoladetafeln und Liebig (istdas Beste, weil Konzentrierteste), vielleicht auch ein Büchschen Sardinen.Wahrscheinlich rücken wir morgen mit Infanteriebedeckung auf Beims zu.Ängstigt Euch bitte nur nicht um mein Befinden, das sehr gut ist. TausendGrüße an alle. Ich bin mit allem wohl versorgt, doch wären mir Viktualienganz heb. Von meinem Quartier habe ich hier prächtige Aussicht auf Metzmit Kathedrale und Wällen."
Mein Eskadronchef, der Bittmeister Franz Maria von Niesewand,Rittmeister schimpfte in der Tat recht viel. Das hing mit seinem schlechten AvancementNieseicand zusammen, das ihn wurmte. Er war schon 1849 bei den Gardedragonern inBerlin eingetreten, hatte aber 1852 seine früher begonnenen Studienwieder aufgenommen, das Beferendar-Examen bestanden und am Land-gericht in Koblenz gearbeitet. 1856 war er nach nochmaligem, diesmalendgültigem Berufswechsel als Leutnant beim 7. Husaren-Begiment ein-gestellt worden. Er hatte 1867 eine Schwadron erhalten, die er während desganzen Krieges treu und gewissenhaft führte. Er war kaum zwei Jahrejünger als der Oberst von Loe, der schon vor der Brigade stand. Niesewandpolterte viel, aber er war ein kreuzbraver Mann. Er war ein frommerKatholik und hieß deshalb beim rheinischen Adel der heilige Franz. Ichbin dem guten Niesewand, der es mit Hängen und Würgen bis zum Kom-mandeur der 13. Husaren gebracht hat, viele Jahre später — er war schonlange pensioniert — bei dem schönen Fest wiederbegegnet, das am18. Juni 1902 die Stadt Bonn ihren blauen Husaren gab. Der wackereMann, der inzwischen 72 Jahre alt geworden war, frug mich, ob ich es ihmals Beichskanzler verargte, daß er mich, als ich bei seiner Schwadron stand,ab und zu angeschnauzt habe. Ich entgegnete ohne einen Augenblick desBesinnens: „Ich bin Ihnen im Gegenteil von Herzen dankbar. Wenn Siemich damals nicht fest angepackt und auf diese Weise einen ordentlichenHusaren aus mir gemacht hätten, wäre ich nie Kanzler des DeutschenBeiches geworden." Das freute den „heuigen Franz".
Als das Ersatz-Kommando vor Metz eintraf, herrschte bei dem Begimenteitel Freude, endlich aus dem Moseltal fortzukommen. Bei Spichern und inden großen Schlachten um Metz hatte das Begiment zu seinem Schmerzkeine Gelegenheit zum Eingreifen gehabt. Während der Belagerung von