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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER RAUHE LENTZE

Mit Meldung einer besonders kalten Novembernacht trat ich nach einem langen Ritt imvom Schneegestöber bei dem Generalstabsoffizier der 15. Division, dem MajorRegiment J_, en tze, um Mitternacht mit einer Meldung vom Regiment in die Stube.

Der Major las die Meldung, dann sagte er zu mir:Sie haben einen langenund beschwerlichen Ritt hinter sich. Es wird zwei bis drei Stunden dauern,bis ich Sie abfertigen kann. Ziehen Sie sich die Stiebein aus, legen Sie sich aufmein Bett und schlafen Sie einen Abzug." Ich entgegnete in strammerHaltung mit jugendlichem Eifer, daß ich mich nicht müde fühlte.Unsinn!"fuhr mich der Major an.So schlafen Sie wenigstens auf Vorrat. Schlafkann ein junger Mensch immer brauchen." Er gab mir ein Glas Wein zutrinken, drückte mir ein Butterbrot mit Käse in die Hand, und dannschlief ich, bis er mich weckte. Beim Erwachen bekam ich noch ein GlasWein und noch ein Butterbrot, diesmal mit Wurst. Er frug nach meinemNamen und unterhielt sich gütig und belehrend mit mir über die militärischeLage, dann entließ er mich gestärkt und sehr dankbar. Wir haben uns erstviele Jahre später wiedergesehen, im Königlichen Schloß in Berlin, er alsKommandierender General, ich als Reichskanzler. Als wir uns begegneten,waren wir sehr erfreut und gaben unseren Gefühlen lebhaften Ausdruck.Erstaunt beobachtete der Kaiser dieses Schauspiel.Ich wußte zwar",sagte er zu mir,daß Sie ein großer Charmeur sind; aber daß Sie den rauhenLentze so kaptivieren würden, das hätte ich nicht gedacht." Hierzu mußich bemerken, daß der General Lentze das war, was der Franzoseimbourru bienfaisant" nennt. Er galt für grob. Aber unter der derben Hülleschlug ihm, wie er dies dem ihm unbekannten jungen Husaren bewiesenhatte, ein goldenes Herz. Er war einer der fähigsten Generäle unsererprächtigen Armee. Auch der Führer der 30. Infanterie-Brigade, der General-major von Strubberg, hat mich im Winterfeldzug 1870/71 bei dienstlicherBerührung immer besonders gut behandelt, wofür ich dem würdigenGeneral, der aus dem Augusta-Regiment hervorgegangen war und KaiserWilhelm I. nahegestanden hatte, stets dankbar geblieben bin. Auch ihnhabe ich, als ich Reichskanzler geworden war, öfters wiedergesehen.

Der 9. November 1870 war ein bedeutungsvoller Tag in meinem Leben.BUlow soll Der Regimentskommandeur, Oberst von Loe, ließ mich kommen. Er sagteAvantageur m j r zunächst, ich sei ihm von Bonn aus von meinen dortigen Vorgesetztenwerden warm empfohlen worden. Dieser Empfehlung hätte ich seitdem Ehregemacht, die starken Märsche durch die Defileen des Argonnerwaldes hätteich gut ertragen, die mir gewordenen Aufträge intelligent und couragiertausgeführt. Ob ich Lust hätte, beim Königshusaren-Regiment alsAvantageur einzutreten? Dazu müsse ich die Einwilligung meines Vatersbeibringen. Ich entgegnete, es sei mein höchster Wunsch, im Königs-husaren-Regiment Offizier zu werden. Ich hofFte, mein Vater würde seine