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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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IM BACKOFEN

besuchen würde, die nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Mädchen-pensionaten haben. War aber die Not vorüber, vergaß er nur zu raschsein Gelübde und Lieferte einen neuen Beweis für die Richtigkeit desneapolitanischen Sprichworts, daß, wenn die Gefahr überwunden ist, aufden Heiligen gepfiffen wird. Passato il pericolo, gabbato il Santo.

Graf Beißel von Gymnich entstammte einer Familie des nieder-Beißel von rheinischen Uradels, und rheinländisch war sein heiterer Sinn und seineGymnich immer frohe Laune. Er war sehr gutmütig. Ich entsinne mich, daß wir ein-mal in einem kleinen Bauernhause in einem Stübchen einquartiert wurden,das zu eng war, um mehr als zwei Personen Raum zu bieten. Der Quartier-meister hatte das kleine Zimmer für Beißel und mich belegt und die alteFrau, die dort hauste, aufgefordert, in einem ungeschützten Schuppen zuübernachten. Die Alte jammerte und weinte. Beißel schlug mir vor, dieFrau in ihrer Kammer zu lassen und selbst die Nacht im Freien zuzubringen,ein Vorschlag, auf den ich natürlich gern einging. Die alte Französin warsehr gerührt und wünschte uns, als wir am nächsten Morgen weiter-marschierten, Gottes Segen für unsere fernere Fahrt. Diese Nacht im Freienwar übrigens nicht die ungemütlichste, die ich in Frankreich verlebt habe.Schlimmer noch war der Aufenthalt in einem früheren, nicht mehr be-nutzten Backofen, in dem ich bei bitterer Kälte mit Dietrich Loe und Diet-rich Metternich zwei Tage und zwei Nächte zubrachte. Beißel, der in glück-lichen Familien-Verhältnissen lebte, fuhr mehrere Jahre nach dem Kriegemit der Eisenbahn von Bingen nach Bonn . In einem der vielen Tunnels aufdieser Route ertönte ein schwacher Knall. Als der Zug aus dem Tunnelherausfuhr, lag Beißel tot da, mit einem kleinen Loch in der Stirn. Er hattesich während der Fahrt durch den Tunnel erschossen. Warum, ist nie er-mittelt worden. Die verschiedenen Mutmaßungen, die über die Ursachenseines Selbstmordes angestellt wurden, erwiesen sich alle als grundlos.There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of inyour philosophy.

Während wir lustigen Fähnriche trotz Kälte und Strapazen in froherGoebcns Laune am Tage und bei Nacht unsere Patrouillen ritten, reiften die genialenPläne Pläne unseres großen Feldherrn, des Generals von Goeben. Er wußte, daßer von seinen Truppen trotz aller Strapazen, die sie seit dem Abmarsch vonCompiegne , also seit vollen sieben Wochen, bei Eis und Schnee, bei Regenund bei Kälte, in ununterbrochener, immer anstrengender, immer vorwärtsgehender Kampagne durchgemacht hatten, auch das Schwerste fordernkönne. Der Patrouillendienst wurde Mitte Januar noch verschärft. Die1. Eskadron patrouillierte unausgesetzt gegen Albert. Mit den Vorpostender Kavallerie-Division hielten wir Verbindung. Alle drei Stunden gingenPatrouillen über Marricourt auf Flers. Längs der Somme patrouillierten