EINE AUSZEICHNUNG FÜR DEN ADELSSTAND
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zum Kanzler erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich frag, ob icheinem alten Kriegskameraden helfen wollte. Ihm persönlich liege nichts amAdel. Er habe seinen Weg vom Einjährig-Freiwilligen bei der Haubitz-Batterie der 3. Artillerie-Brigade bis zum Oberst und Kommandeur desLitauischen Ulanen-Regiments Nr. 12 auch ohne Adel mit Ehren zurück-gelegt. Für seine Söhne aber würde die Erhebung in den Adelsstand ihnfreuen. Ich benutzte einen Augenblick, wo Kaiser Wilhelm II. in guterStimmung war, um die Nobilitierung des alten, von mir hochverehrtenOberst Rudolphi anzuregen. Der Kaiser gab sofort und gern die nötigenAnweisungen, und Ferdinand Rudolphi wurde am 29. Januar 1902 in denAdelsstand erhoben, was, nebenbei gesagt, eine Auszeichnung für denAdelsstand war. Seine beiden Söhne standen, als ich mein Amt als Reichs-kanzler niederlegte, der eine beim Ulanen-Regiment Kaiser Alexander III.von Rußland (Westpreußisches) Nr. 1, der andere bei dem Torgauer Feld-Artillerie-Regiment Nr. 74.
Ich habe schon erwähnt, daß der Regiments-Adjutant, LeutnantMoßner, sich der von Rudolphi am 19. Januar gerittenen Attacke frei- Leutnantwillig angeschlossen hatte. Moßner war einer der besten Offiziere des Regi- Moßnerments und, ich kann wohl ohne Übertreibung sagen, als er zu höherenChargen aufrückte, einer unserer ausgezeichnetsten Kavalleristen. Er warder Sohn eines Berliner Bankiers, der Gelegenheit gehabt hatte, 1848 demdamaligen Prinzen von Preußen treue Dienste zu leisten, als der Prinz inden traurigen Märztagen, als „Reaktionär" und „Absolutist" verschrien,gezwungen wurde, Berlin zu verlassen. Kaiser Wilhelm I. vergaß nie einenihm geleisteten Dienst. Als er zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung demBankier Moßner begegnete, frag er, ob er ihm nicht einen Wunsch erfüllenkönne. Der Gefragte erwiderte, daß er einen jungen Sohn habe, der füreinen guten Reiter gelte und brennend wünsche, bei der Kavallerie einzu-treten. Der König versprach gern, daß er den jungen, damals gerade acht-zehnjährigen Mann bei seinem eigenen Regiment, den Königshusaren, ein-stellen lassen würde. 1865 bei den blauen Husaren in Bonn eingetreten,fand Walter Moßner dort nicht gerade eine freundliche Aufnahme. Er ent-stammte einer israelitischen Familie, und das Offizierkorps des Königs-husaren-Regiments weigerte sich, ihn zum Offizier zu wählen. So kam es zueinem der wenigen Fälle, in denen Wilhelm I. ein Offizierkorps zwang, einenihm nicht genehmen Avantageur in seinen Kreis aufzunehmen. Der Königließ den Offizieren seines Husaren-Regiments durch den Regiments-Kom-mandeur sagen, er würde die Nichtwahl des Avantageurs Moßner als einepersönliche Kränkung empfinden. Daraufhin zum Offizier gewählt, machtesich Moßner sofort dadurch eine gute Stellung, daß er einem anderen Fähn-rich, der sich seiner Wahl besonders lebhaft widersetzt hatte, in einem Duell