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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AM DEUTSCHEN STROM .

Schüssen zu empfangen. Wir passierten einige sehr hübsche Partien, nament-lich Manderscheid mit zwei malerischen Ruinen, ehemals fürstlich Salm-schen Schlössern und in der Revolution 1793 zerstört. Heute kamen wir anzwei Seen vorbei, die früher Krater eines Vulkans gewesen sein sollen, wiedenn die Eifel überhaupt vulkanisch ist. Morgen passieren wir das Ahrtal,übermorgen sollen wir in Ronn einziehen, also am 6. Juli. Am 2. Novemberging ich von Bonn fort, von Courcelles bei Metz aus sind wir marschiertüber Metz, Varennes, Reims, Soissons, Compiegne, Montdidier , Moreuil,Amiens nach Rouen und Pont Audemer, von Rouen zurück nach Mont-didier, von da über Amiens, Albert, Bapaume bis nach Cambrai und dannüber Peronne zurück bis nach Bray, von Bray nach Saint-Quentin und vonda wieder nach Bapaume, von da über Amiens und Mollien-Vidame nachGaille-Fontaine und Treport, von Treport und Eu nach Abbeville und vonda nach Amiens , von hier wieder nach Chaulnes und Peronne und zurücknach Amiens , von da endlich über Saint-Quentin, Guise, Vervins, Mezicres,Sedan, Montmedy, Longwy, Thionville, Sierk, Trier nach Bonn . In derletzten Zeit hatten wir fast fortwährend Regenwetter, doch war es heutebesser. Von Bonn werde ich Euch gleich schreiben, auch werde ich natürlichsehen, ob ich nicht einen kleinen Urlaub bekommen kann. Hier liege ichmit meinem Zuge in zwei kleinen Dörfern, in der Nähe der kleinen StadtAdcnar. Ich habe recht gutes Quartier bei einem fünfundachtzigjährigen,noch sehr rüstigen Mann, der, als Untertan des Grafen Salm in der da-maligen Grafschaft Salm geboren, die französische Zeit erlebt hat und von1810 bis 1814 in Spanien beim 37 i6me de Ligne gestanden hat. Entschuldigtdie schlechte Schrift und das schmutzige Papier. Euer treuer Sohn.

Wie in Trier, sowurden wir auf unserem ganzen Rückmarsch von derdeutschen Grenze bis zum Rheinstrom in Städten und Dörfern, von groß undklein, arm und reich mit gleicher Freude, mit gleicher Herzlichkeit begrüßt.Ich dachte an denFrühlingsgruß, den sechsundfünfzig Jahre früher einerder edelsten deutschen Dichter, der Sänger der Befreiungskriege, der zufrüh verstorbene Max von Schenkendorf An das Vaterland richtete:

Alles ist in Grün gekleidet,

Alles strahlt im jungen Licht,

Anger, wo die Herde weidet,

Hügel, wo man Trauben bricht;

Vaterland, in tausend JahrenKam dir solch ein Frühling kaum.

Was die hohen Väter waren,

Heißet nimmermehr ein Traum.

Am 6. Juli telegraphierte ich an meine Mutter nach Flottbek: Heuteeingezogen, sehr wohl. Tausend Grüße. Am 11. Juli schrieb ich aus