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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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NACH WIEN

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Böses tun, sonst kommt man in dieser allzu bösen Welt wirklich nichtdurch. A corsaire corsaire et demi. Holstein ist ein Korsar und für allesBöse wde gemacht. Übrigens ist Holstein neben seiner Qualifikation fürschmutzige Aufträge (ipsissima verba Seiner Durchlaucht) tatsächlich einhervorragender politischer Kopf, ein sehr starker politischer Intellekt/ Daßer dir, mein guter Sohn, Paris verpatzte, das ich dir zugedacht hatte, istwohl auf seine Besorgnis zurückzuführen, daß du, der Sohn des Staats-sekretärs, dort über seine unterirdischen Machinationen gegen Harry Arnim mehr hören könntest, als ihm lieb ist. Du wirst aber auch in Wien lernenund deinen Horizont erweitern können.

Mein Vater erzählte mir bei dieser Gelegenheit, daß Bismarck ihm voreiniger Zeit für den Fall, daß er derSchinderei im Auswärtigen Amt Graf Ottoüberdrüssig werden sollte, angeboten habe, ihn Seiner Majestät für die Stolberg Wiener Botschaft in Vorschlag zu bringen. Mein Vater bemerkte hierzu, erhabe dies Angebot mit Dank abgelehnt. Abgesehen davon, daß meineMutter seit dem Tode ihrer einzigen Tochter und bei ihrer Kränklichkeitnicht mehr in die Welt gehen möge, wolle er, so lange seine Kräfte reichten,im Auswärtigen Amt Bismarck unterstützen. Wenn er sich dieser Arbeitnicht mehr gewachsen fühlen sollte, werde er sich ein holsteinisches odermecklenburgisches Gut kaufen und dort seine Erinnerungen schreiben. Soplauderte mit mir mein guter Vater, den Gott von dieser Erde abberufensollte, bevor er an die Niederschrift seiner Denkwürdigkeiten gehen konnte.

Er empfahl mir noch, mich bald bei meinem neuen Chef, dem Grafen OttoStolberg, zu melden, der sich in den nächsten Tagen auf seinen Wiener Posten begeben würde. Es war meinem Vater nicht entgangen, daß dieFürstin Y. von ihrem Landschloß in Berlin eingetroffen war, als ich vonPetersburg dorthin zurückkehrte. Er ließ aber mit der Güte und dem Takt,die ihm zur zweiten Natur geworden waren, nur durchblicken, daß es meinePflicht sei, alles zu vermeiden, was eine von mir offenbar sehr verehrteDame ins Gerede bringen könnte.

Mein Wiedersehen mit meiner schönen Freundin löste bei ihr eher innigeund zärtliche, bei mir mehr stürmische und leidenschaftliche Gefühle aus.

Sie hatte, wie ich mir nicht verhehlen konnte, unter der fast halbjährigenTrennung sehr gelitten. Ich w r ollte die kleinen Seitensprünge wieder gut-machen, zu denen mich an der Newa jugendliche Unreife und die mir neueAnziehungskraft slawischer Frauen verleitet hatten. Unser Zusammenseindauerte diesmal nicht lange, denn mein neuer Chef, Graf Stolberg, ließ michwissen, daß er sich am nächsten Morgen auf seinen Posten begeben würdeund mir vorschlage, mit ihm zusammen zu reisen. Graf, später Fürst Ottozu Stolberg -Wemigerode war der Chef eines mediatisierten, ehemals reichs-unmittelbaren Hauses, das seit uralter Zeit am Harz begütert war. Die

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