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DER OLYMPISCHE ZEUS
erschienene, dreibändige, viel gelesene griechische Geschichte und einschätzenwertes Buch über den Peloponnes geschrieben. Er war Direktordes Antiquariums im Berliner Museum und ständiger Sekretär der Philo-logisch-Historischen Klasse der Berliner Akademie . Er war nicht nur einberühmter Archäologe, sondern auch ein liebenswürdiger Mann von bestenFormen und anregender Konversation. Nur eins störte mich an ihm: seinfortgesetztes Sticheln und Schelten auf Heinrich Schliemann , der,nachdem er seit 1870 mit Erfolg Ausgrabungen in Troja durchgeführt hatte,nun anfing, in Mykenä den Spuren der fluchbeladenen Atriden nachzu-gehen und ihre Heiligtümer aus dem Schoß der Erde ans Tageslicht zubefördern. Es schmerzte mich, daß ein deutscher Gelehrter von Bedeutungund Ruf wie Curtius aus einem vielleicht etwas naiven, aber von heiligemEifer für die Wissenschaft und von feuriger Begeisterung für die Antikeerfüllten deutschen Idealisten wie Heinrich Schliemann einen Pfuscher undSchwindler machen wollte. Man brauchte kein Diplomat zu sein, um zumerken, daß aus jedem seiner Worte Eifersucht gegen den erfolgreichenKonkurrenten auf dem Felde der Ausgrabungen sprach.
Aber als ich erst auf der flachen Ebene stand, die im Norden vom Kro-nos-Hügel, im Süden vom Alpheios und seinem Nebenfluß, dem Kladeos,eingeschlossen wird, fühlte ich mich aller irdischen Misere entrückt. Hierstand der Tempel des Zeus, des olympischen Zeus. Pausanias aus Magnesia,der fast zweihundert Jahre nach Christi Geburt Olympia besuchte, hatuns in seiner Periegesis, einer Art von klassischem Baedeker, den Zeustempelbeschrieben. In der Cella befand sich die Statue des Gottes. Zeus war dar-gestellt sitzend auf einem Thron aus Cedernholz, der mit Ebenholz ausgelegtund reichlich mit Edelsteinen und Skulpturen verziert war. Das Antlitz derFigur, die Brust, der entblößte Teil des Oberkörpers und die Füße warenaus Elfenbein gebildet. Die Locken des Haupt- und Barthaares waren ausgediegenem Gold. Auf der einen ausgestreckten Hand hielt Zeus eineStatue der Nike, auch aus gediegenem Gold; in dem anderen Arm ruhte deraus einer Verbindung verschiedener edler Metalle geformte Zepter. Der denUnterkörper des Gottes umhüllende Mantel war ebenfalls aus Gold. Aberallen Reichtum der kostbaren Materialien und alle sonstige Pracht desTempels übertraf nach der Schilderung des Pausanias die Macht der Ge-stalt selbst. Sie war die vollkommenste Erscheinung der Gottheit, wie sieden Griechen vorschwebte. „Wer den olympischen Zeus nicht erblickt hat,ist unglücklich“, lautete ein griechisches Sprichwort. Der olympische Zeuswar mit der, auch aus Gold und Elfenbein geformten Statue der AthenaParthenos auf der Akropolis das Meisterwerk des größten griechischenBildhauers, des Phidias aus Athen. Als er diese Verkörperung der Gottheitschuf, schwebten ihm die gewaltigen Verse der Ilias vor: