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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER RETSINATO

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Also sprach undwinkte mit schwärzlichen Brauen Kronion,

Und die ambrosischen Locken des Königs wallten ihm vorwärtsVon dem imsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos.

In Olympia trennte ich mich von meinen beiden gelehrten Begleitern,um zu Pferde Arkadien, Messenien und Lakonien aufzusuchen. So wenig Riumir in Athen die Politiker gefallen hatten, so sympathisch war mir auf durch denmeinem Ritt durch den Peloponnes das Volk. Ich habe selten abgehärtetere Ue/opofmcaund ausdauerndere Menschen gesehen als die Griechen, die neben meinemPferde herliefen. Ihre ganze Nahrung bestand aus Zwiebeln, ein paartrockenen Feigen und einer Handvoll Reis. Wenn wir nach stundenlangemMarsch auf steinigen, schlechten Wegen mittags ausruhten, so störten sieweder die glühenden Brand versendende Sonne Homers noch die Wanzen,die zu Dutzenden auf ihrer zottigen Brust herumkrochen. Der Retsinatoschien ihnen köstlich zu munden. Hier sei mir eine Parenthese gestattet.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Helden wie Achilleus und Diomedes ,daß einelegant wie Alkibiades, daß selbst Odysseus , der vieles ertrug, sicham Retsinato, diesem schauerlichen Harzwein, gelabt haben sollen. DieBehauptung, daß der Nektar, der die Lippen der Unsterblichen netzte,dieser wie Terpentin schmeckende Retsinato gewesen sein soll, ist eineBlasphemie. In Arkadien freute ich mich über die an die deutsche Heimaterinnernden Eichenwälder, in Messenien an den Oliven-, Feigen- undOrangenhainen, den fruchtbaren Getreidefluren.

Bewundernd stand ich vor den Ruinen des Apollo-Tempels von Bassä.

Aber Sparta übertraf alle meine bisherigen Eindrücke. Chateaubriand Sparta erzählt, daß er, in Sparta angelangt, mit lauter Stimme dreimal gerufenhabe:Leonidas! Weniger theatralisch angelegt als der Verfasser desRene, begnügte ich mich, auf der Brücke, die über den Eurotas führt, mitdem Blick auf die Kette des Taygetos im siebenten Buch (Polymnia) desHerodotos die Beschreibung der Schlacht an den Thermopylen nachzulesen.

Ich gedachte der Inschrift auf dem Grabe der gefallenen Spartaner:

Fremdling, melde dem Volk Lakedämons,

daß wir allhier ruhn,

Weil in Gehorsam wir seine Gebote befolgt.

Ich kenne keine schönere Verherrlichung staatstreuer Gesinnung undmilitärischer Bravour. Ich habe nach Sparta noch Argos, Nauplia undKorinth besucht. Aber Sparta blieb das stärkste Erlebnis meiner pelo-ponnesischen Reise.

Im Herbst 1877 verbrachte ich acht angenehme Tage bei dem grie-chischen Königspaar auf seinem im Gebirge gelegenen schönen Schloß