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DIE BANKROTTEN HELLENEN
Schloß Tatoi Tatoi. Die Sommerresidenz der griechischen Majestäten lag auf der Stätte,wo sich einst der attische Demos Dekeleia erhoben hatte, den 413 v. Chr.die Peloponnesier auf den perfiden Rat des aus Athen verbannten unddeshalb seiner Vaterstadt gram gewordenen Alkibiades besetzt hatten. Derletzte Abschnitt des Peloponnesischen Krieges wird deshalb der DekeleischeKrieg genannt. Jetzt vertrieben wir uns auf diesem historischen Fleck Erde die Zeit mit harmlosen Gesellschaftsspielen. Als einmal die Königin Olga,die, als Nichte der Königin Marie von Hannover und von dieser erzogen,nicht gerade preußenfreundlich gesinnt war, gefragt wurde, ob und wie sieKaiser Wilhelm liebe, meinte sie mit Takt: „Ich liebe ihn als meinen Groß-onkel.“ Der witzige russische Gesandtschaftsrat Jadowski, gefragt, wodurchsich der Fürst Nikolaus von Montenegro von dem Fürsten Milan von Serbienunterscheide, antwortete schlagfertig: „L’un est un aigle, l’autre un milan(eine Weihe).“
Als sich 1877 das Christfest näherte, lud mich der König ein, den deut-schen Weihnachtsabend, der bekanntlich vor den griechischen fällt, bei ihmzu verleben. Ich verbrachte den Abend allein mit ihm und der Königin.Er sprach mir mi t Freimut von seiner schwierigen Lage. Es sei eine dermanchen üblen Eigenschaften der Griechen, ihren Souverän für alles ver-antwortlich zu machen. Sollte es zum Kriege kommen, so würden ihm seineUntertanen Opfer und Verluste eines solchen zur Last legen. Wenn aberGriechenland neutral bliebe und infolgedessen leer ausginge, würde manerst recht unzufrieden mit ihm sein.
Von wirklicher Kriegsbegeisterung war in Griechenland im ganzen JahreGriechenland 1877 nicht die Rede gewesen. Die im Dezember 1876 von der Kammer be-wirf der Krieg schlossene und im Januar 1877 zur Subskription aufgelegte Anleihe vonzehn Millionen Drachmen für Kriegsrüstungen konnte nur allmählich undauch so nur zum Teil untergebracht werden. „Die Hellenen sind ein großes,ein sehr großes Volk, heute wie in alten Tagen“, sagte mir ein leitendergriechischer Politiker, Herr Deligeorges, „aber leider sind wir bankrott.“Auf ein im März gebildetes Ministerium Deligeorges folgte im Mai einzweites Kabinett Kommunduros, auf dieses abermals, von den früherenMinisterpräsidenten Zaimis und Trikupis unterstützt, Herr Deligeorges.Das Ganze erinnerte mich, der ich als Unbeteiligter lächelnd zuschaute, andie Spiele meiner Kindheit: „Kämmerchen vermieten“ und „Verwechselt,verwechselt das Bäumelein.“ Jetzt lächele ich nicht mehr, sondern denkemit Schmerz daran, daß es unter der Republik in Deutschland, besonderszu Anfang, nicht viel besser zuging als ein halbes Jahrhundert früher inGriechenland. Nicht besser, sondern schlimmer. Denn im Juni 1877 gelangin Athen vorübergehend die Bildung einer aus den Häuptern aller Parteien(Kommunduros, Deligeorges. Zaimis, Trikupis) bestehenden Regierung.