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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER KARDINAL

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für die Geschicklichkeit, mit der Anatole France seinen Monsignore Cimaunbequemen Fragen ausweichen und jede bestimmte Meinungsäußerungvermeiden läßt, hätte der Nunzius Czacki dem französischen Roman-schreiber als Vorbild dienen können. Aber das von den Italienern so sehrgefürchtete Malocchio besaß Czacki nicht. Der Verkehr mit ihm hat mir nichtgeschadet, sondern mir Anregung und Belehrung geboten. Dieser romani-sierte Pole war ein vorzüglicher Vertreter der päpstlichen Diplomatie ge-worden, die in gewisser Beziehung die beste der Welt ist. Er war natürlichund unbefangen und dabei von der größten Vorsicht. Er gab in prinzipiellenFragen nie nach, war aber im übrigen so akkommodant, so opportunistischwie möglich. Obschon die Beziehungen der französischen Regierung zurkatholischen Kirche schon recht gespannt waren, behandelte er diekirchenfeindlichen französischen Minister und Parlamentarier mit dergrößten Liebenswürdigkeit. Ich habe ihn oft auf dem Sofa neben JulesFerry , Freycinet, Spuller, Paul Bert sitzen und mit ihnen Zigaretten rauchensehen, in angeregter Unterhaltung. Die Mitglieder des französischen Klerusbehandelte er, wie ich mich, wenn ich ihn besuchte, selbst überzeugenkonnte, von oben herunter:Ces gens- par leur fanatisme etroit et lourd,quils appellent foi, gätent les meilleurs, les plus fines combinaisons. Jen aipardessus la tete. Monsignore Czacki war ein großer Bewunderer desFürsten Bismarck . Er bezeichnete es mir schon bei unserer ersten Begegnungals seinen höchsten Wunsch, den größten Staatsmann des Jahrhunderts,wie er sich ausdrückte, kennenzulernen und mit ihm einen Modus vivendizwischen der Kirche und Deutschland zu finden.Avec un si grand hommeon trouve toujours une combinaison. LEglise sest arrangee avec Cloviset avec Napoleon I. Elle sarrangera avec le Prince de Bismarck. Du reste,

Leon XIII ne demande pas mieux que darriver ä un arrangement avecvotre grand Chancelier. Monsignore Czacki ist Kardinal geworden. Er istin Rom gestorben, wo er in der alten Kirche Santa Pudenziana , nach derÜberlieferung die älteste eigentliche Kirche Roms, beigesetzt worden ist.

Nach der Tradition soll der Apostel Petrus im Hause des Senators Pudensgewohnt und dort ein Gebethaus errichtet haben. Das Bronzegrabmal des1888 verstorbenen Kardinals Czacki stellt ihn liegend in Lebensgröße dar.

Ich besuche ab und zu diese ehrwürdige Kirche, die zu den sogenanntenKardinalizischen Kirchen gehört und Czacki verliehen wurde, als er denRoten Hut erhielt. Die Bronzestatue des Kardinals ist so ähnlich, daß ichden von mir sehr verehrten Kirchenfürsten zu sehen glaube, wenn ich vorsie trete.

Wohl der intelligenteste der in Paris wirkenden Missionschefs war derbelgische Gesandte, der seit fast einem Menschenalter dort tätige Baron Baron BeyensBeyens. Es wurde ihm jüdische Abstammung nachgesagt, und jedenfalls