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fallen würde. Monia erwiderte: „Du tout! Car ce qu’il y a d’un peu propreen vous, je puis l’acheter chez Hachette pour trois francs cinquante.“Turgenjew und die Fürstin Ouroussow stimmten darin überein, daß Ruß-land zwar nicht von heute auf morgen das parlamentarische Regierungs-system einführen dürfe, aber doch möglichst bald zu konstitutionellen Ein-richtungen gelangen müsse. Andernfalls wäre früher oder später eine Revo-lution unvermeidlich. Eine solche würde roher, brutaler, zerstörender seinals die große Französische Revolution. Turgenjew huldigte seit vielen Jahrender von mir schon erwähnten ebenso häßlicben wie geistreichen SängerinPauline Garcia, die mit dem Kunstschriftsteller Louis Viardot verheiratetwar. Gatte und Anbeter waren die besten Freunde. Es wurde erzählt, daß,als die temperamentvolle Pauline sich einmal von einem jungen Pianistenallzusehr den Hof machen ließ, Turgenjew besorgt zu Viardot sagte: „IIfaut ouvrir les yeux! Pauline est en train de nous tromper.“
Der Journalist Moritz Landsberg war ein altes und kränklichesMoritz Männchen. Er wohnte im dritten Stock eines in der Nähe des BahnhofsLandsberg Saint-Lazare gelegenen bescheidenen Mietshauses. Er litt an einem schmerz-haften Blasenleiden. Ich habe oft an seinem Krankenbett gesessen und ihmzugehört, wenn er von seinen Pariser Erinnerungen erzählte, die vielseitigund anregend waren. Seit vielen Jahren in Paris ansässig, war er wohl einerder ältesten der dortigen deutschen Journalisten. Er hatte Heine und Börne gut gekannt und bewunderte, wie ich, den „Fichtenbaum, der einsam imNorden auf kahler Höli’ steht“ und die „Wallfahrt nach Kevelaar“. Vondem Menschen Heine wollte er nichts wissen: Heine habe von LouisPhilippe für seine franzosenfreundliche Propaganda eine regelmäßigeSubvention aus den französischen geheimen Fonds bezogen. Er babe auchNapoleon III. um Geld angebettelt, sei aber bei diesem abgefallen.„Fleckig und dreckig“, so charakterisierte Landsberg den Menschen Heine.Von Börne dagegen sprach er mit Achtung. Er bestritt nicht, daß beidiesem wie bei manchem deutschen Publizisten und Historiker die kritischeBegabung die schöpferische Kraft erheblich überwogen habe. Er fand seineAngriffe gegen Goethe nicht allein ungerecht, sondern lächerlich. („Einbissiger Mops, der den Mond anbellt.“) Aber Ludwig Börne sei doch allesin allem ein anständiger Kerl gewesen, uneigennützig, redlich und wahr-haftig. Er sei auch trotz seines Polterns ein Patriot gewesen, Heine einRenegat. Dr. Landsberg war Israelit.
Sehnsucht führte mich in den ersten Märztagen 1884 nach Rom. IchBesuch in hatte von Donna Laura Minghetti die Erlaubnis zu dieser Reise erbetenRom UIlf j hierbei einfließen lassen, daß mir besonders daran gelegen wäre, mitHerrn Minghetti zu sprechen. Donna Laura hatte erwidert, daß ihr Gattesich freuen würde, unsere Bekanntschaft zu erneuern. Er und sie wünschten