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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GEFALLENE GRÖSSEN

ihren Stammbaum auf Rurik zurückführen. Als Edelleute könnt ihrnicht schwanken! Die eingeladenen Adligen erwiderten:Warum unstäuschen, Maria Eduardowna? Wir wollen einen Adelsmarschall haben, derbeim Zaren gut angeschrieben ist. Das muß Kleinmichl sein, da sein Groß-vater vom Lakaien zum Grafen avancierte. Dessen kann sich Dolgorukijnicht rühmen.

Die Gräfin Kleinmichl war liberal gerichtet, im westeuropäischen Sinne,und war am Hofe des Großfürsten Konstantin in dieser Richtung bestärktworden. Großfürst Konstantin Nikolajewitsch, der zweite Sohn des KaisersNikolaus, wurde in den Petersburger Salons der russische Louis-Philippe genannt. Man ging so weit, zu behaupten, daß er bei der Ermordung desKaisers Alexander II. die Hand im Spiele gehabt habe. Sicher ist, daß erals Statthalter in Warschau 1862 eine zweideutige Rolle gespielt hat. Ichlernte bei der Gräfin Kleinmichl eine Reihe gefallener Größen kennen:Loris Loris Melikow, Walujew, Abaza. Der Graf Loris Melikow, ein Armenier,Melikow war einige Monate lang als Chef der höchsten Exekutivkommission Diktatorvon Rußland gewesen. Er hatte Alexander II., den die von mir früher er-wähnten häuslichen Wirren und immer wiederholte Attentate demoralisierthatten, vorgeredet, daß er dem Zaren, wenn er eine liberale Verfassunggäbe, die Heirat mit seiner Geliebten, der Prinzessin Katharina Dolkorukij,und sogar deren Krönung als Zarin ermöglichen werde. Die am 13. März1881 erfolgte Ermordung des Kaisers Alexander II. machte einen blutigenStrich durch solche Projekte und Pläne, und die Herrlichkeit von LorisMelikow war zu Ende. Er war ein Armenier. Ein russisches Sprichwortsagt:Ein Grieche gleich zwei Juden, ein Armenier gleich zwei Griechen.Wenn Loris Melikow als schlau und imzuverlässig galt und es wohl auchwar, so machte Walujew einen sympathischen, gediegenen Eindruck. GrafPeter Alexandrowitsch Walujew hatte sich als Minister des Innern von1861 bis 1868 hohe Verdienste um die Aufhebung der Leibeigenschafterworben. Er war ein ehrenwerter, deutschfreundlicher und dabei humanerStaatsmann. Er hat auch einen lesbaren Roman geschrieben, derLorinheißt, den er mir in deutscher Übersetzung schenkte und der meinerömische Bibliothek ziert.

Wenn bei der Gräfin Kleinmichl die Vertreter der früheren Zeit, derMissy Ära Alexanders II., mir ihr sorgenvolles, hie und da verstimmtes HerzDurnoto erschlossen, so begegnete ich bei Madame Durnow,Missy, wie sie vonihren Verwandten und Freunden genannt wurde, den Leuten des regierendenKaisers. Missy Durnow war eine der interessantesten Frauen, denen ich imLeben begegnet bin. Ein messerscharfer Verstand bei viel Charme, ganznatürlich, aber immer und in allem große Dame. Wenn ich das RußlandAlexanders III. verstanden habe, verdanke ich das in erster Linie ihr. In