DER ZERSCHMETTERER
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beschleunigte Einreichung der Demission gefordert. „Wie ein unredlicheroder lästiger Bedienter ist mein armer alter Vater fortgejagt worden.“
Uber die letzte Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem KanzlerBismarck erzählte mir Herbert: sein Vater sei mit fünfundsiebzig Jahrenund noch mehr durch ein arbeitsreiches und bewegtes Leben begreiflicher-weise schonungsbedürftig geworden. Die Arzte hätten darauf bestanden,daß er sich am Morgen schone. Sie hätten gewünscht, daß er seinen Morgen-tee im Bett nähme, dann warm bade und sich massieren lasse und erst gegenMittag, namentlich bei dem rauhen Märzwetter, ausgehe. An jenem Ab-schiedsmorgen sei der Kaiser schon ganz früh in seiner, des StaatssekretärsHerbert Villa erschienen und habe in ungeduldigem und ungnädigem Toneverlangt, daß sich der Fürst sofort bei ihm melde. „So mußte mein Vater,notdürftig bekleidet, fröstelnd, bei Kälte und Regen durch den Garten desReichskanzlerpalais zur Staatssekretärsvilla gehen. Dort angekommen,frug ihn der Kaiser in barschem Ton: ,Wann bekomme ich endlich Ihr Das Abschieds-Abschiedsgesuch ? 1 Der Fürst habe mit völliger Selbstbeherrschung und gesuchmit vollkommenster Höflichkeit geantwortet: „Eure Majestät bitte ichuntertänigst, noch einige Stunden Geduld zu haben mit einem alten Mann.
Nach fast dreißigjähriger Tätigkeit als Ministerpräsident und Reichskanzlerhabe ich nicht nur das Recht, sondern, wie ich meine, auch die Pflicht, vorEurer Majestät, vor dem Lande und vor der Geschichte in aller Ehrfurchtdie Gründe meines Rücktritts schriftlich darzulegen.“ Der Kaiser habekurz und trocken entgegnet: „Von einer Veröffentlichung Ihres Abschieds-gesuches kann keine Rede sein.“
Sowohl Herbert wie Bill Bismarck haben mir in späteren Jahren über-einstimmend versichert, daß ihr Vater, als er von Wilhelm II. öffentlichgeschmäht wurde, nie seinen Gleichmut und nicht einmal seinen Humorverloren habe. Als ihm die Reden vorgelegt wurden, wo Wilhelm II. indeutlicher Anspielung auf ihn ausgerufen hatte, er werde seine Gegner zer-schmettern, nur einer sei Herr im Lande, und das sei er, als er ver-kündigt hatte, daß sein Großvater, Kaiser Wilhelm I., manchen bravenMinister gehabt hätte, aber mit dem Kaiser verglichen seien sie doch nurPygmäen gewesen und Handlanger des Allerhöchsten Willens, habe FürstBismarck sich darauf beschränkt, unter die betreffenden Zeitungsausschnittezu schreiben: „Sunt pueri pueri! Pueri puerilia tractant.“ (Knaben sindeben Knaben und benehmen sich knabenhaft.)
Herbert Bismarck verhehlte mir schon in Wildbad nicht, daß sein Vatermit schweren Sorgen in die Zukunft des Reiches blicke. „Kaiser Wilhelm II. fährt mit Hurra den Abhang hinunter“, hatte, wie mir Herberterzählte, bald nach seiner Entlassung der Vater Bismarck zu seinemältesten Sohne gesagt. „Hoffentlich zeigt, wenn die Katastrophe kommt,
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