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DIE NEUEN LEUTE
der Kaiser Courage und setzt sein Leben ein, wie Friedrich der Große beiZorndorf, bei Hochkirch und Kunersdorf. Und wenn es zum Äußerstenkäme, zu Rebellion und Revolution, möge er dann fechten und, wenn essein müßte, fechtend fallen an den Stufen des Thrones, fechtend für dieKrone und die Rechte und die Ehre der Krone.“
Nachdem die Nachricht von der Verabschiedung des Fürsten Bismarck Briefe in Bukarest eingetroffen war, hatte ich zweimal an Herbert BismarckHerbert geschrieben, um ihm meinen tiefen Schmerz über die in Berlin eingetreteneBismarcks Wendung auszusprechen. Ich bat ihn gleichzeitig, seinem großen Vater dieVersicherung meiner unerschütterlichen Verehrung, Bewunderung undTreue zu übermitteln. Er antwortete mir am 7. April 1890 aus Berlin :„Haben Sie herzlichsten Dank für Ihre freundlichen beiden Briefe. Es istmir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, wie wohltuend mich Ihre Worte be-rührt haben. Darüber hinaus kann ich allerdings so gut wie nichtsschreiben, denn wer weiß, welche Schicksale dieser Brief erlebt, bevor erin Ihre Hände gelangt. Ich bin diesen Winter mit der Gesundheit üblerdran gewesen denn je. Von einer schweren Influenza-Erkrankung im De-zember, während der ich fortarbeiten mußte, bin ich noch jetzt nichterholt, und wenn mein Vater im Dienst geblieben wäre, hätte ich einenlängeren Urlaub von über vier Monaten nach ärztlicher Aussage ohnehinunbedingt gebraucht. Nachdem nun aber mein Vater gegen seinen Wunschund Willen in ziemlich brüsker Weise entlassen war, wurde es für michunmöglich, die dadurch bei meinem Namen für mich so gewaltig vermehrteVerantwortung und Arbeit gegenwärtig zu übernehmen. Selbst bei vollerGesundheit hätte das gerade für mich die schwersten Bedenken gehabt,denn meine Stellung unter einem in der Diplomatie ganz unerfahrenenneuen Kanzler wäre eine sehr schiefe gewesen. Von den beiden neuenCaprivi und Leuten — Caprivi und Marschall — verlangt niemand etwas in derMarschall auswärtigen Politik, denn jeder weiß, daß sie sich bisher nie damit ab-gegeben haben, also auch nichts davon verstehen können. Daß Alvenslebenmeine Nachfolge hartnäckig ablehnte, beklage ich für den Dienst, dennletzterer wird jetzt auseinanderlaufen, da zur einheitlichen Leitung desschwierigsten aller Ressorts, des Auswärtigen, etwas anderes gehört, alswas man als badischer Staatsanwalt und Parlamentarier lernen kann.Marschall hat sich schon lange auf den Posten eingerichtet, wie ich höre,und mir gegenüber jedenfalls kein gutes Gewissen, denn er hat mich seit derDesignierung vollständig ignoriert. Ich würde Berlin schon ganz geräumthaben, wenn der Kaiser sich nicht auf morgen zum Diner bei mir angesagthätte. Nun fahre ich übermorgen nach Friedrichsruh und komme nachBerlin schwerlich wieder. Leben Sie wohl, lieber Bülow, und machen Sie guteGeschäfte unter der neuen Leitung. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck .“