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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE SCHICKSALSSCHWERSTE WENDUNG

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Am 18. April 1890, dem Tage, wo sechsundzwanzig Jahre früher die Er-stürmung der Düppeler Schanzen die erste glänzende Probe auf die Biilow anRichtigkeit der Bismarckschen Politik gewesen war, schrieb ich wieder an HerbertHerbert:Lieber Herbert, Ihre gütigen Zeilen vom 7. ds. Mts. sind mir Bismarckrichtig zugegangen. Haben Sie herzlichen Dank, daß Sie Zeit fanden, mirzu schreiben in einem Momente, wo so viele Anforderungen an Sie heran-getreten sein werden. Ihr Brief gab mir, wenn auch nur andeutungsweise,die erste wirkliche Aufklärung über Ursache wie Verlauf der schicksals-schwersten Wendung, die unser Staatsleben seit 1848 durchgemacht hat.Inzwischen erhielt ich aus Berlin und Wien anderweitige Mitteilungen,nach denen ich mir endlich ein einigermaßen richtiges Bild von den jüngstenVorgängen zu machen imstande bin. Meine Betrübnis über das Geschehenewird durch den genaueren Einblick in dasselbe nicht verringert. Anderer-seits brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, daß die unbegrenzte Be-wunderung und rückhaltlose Verehrung, welche ich, solange ich politischdenke, für Ihren großen Vater empfinde, durch keinen äußeren Wechselberührt werden kann. Ich verstehe jetzt auch die Gründe, aus welchen Sienicht im Amte bleiben wollten. Mein Bedauern über Ihren Fortgang wirdhierdurch freilich nicht verringert. In diesem Augenblick wird jeder Ge-danke an Wiedereintritt Ihnen unsympathisch sein. Aber dans mon forinterieur halte ich an der Hoffnung fest, daß Sie über kurz oder lang dochwieder an die Spitze des Auswärtigen Ressorts treten werden. Wie früher,so bin ich auch heute der Ansicht, daß wir für diesen wichtigsten und ver-antwortungsvollsten Posten keinen Besseren als Sie haben, und diese meineÜberzeugung geht nicht allein aus einer unveränderten Freundschaft undAnhänglichkeit an Sie hervor, sondern sie fußt auch auf wohlerwogenenVerstandesgründen. Ich hoffe, Ihre durch Überarbeitung angegriffene Ge-sundheit was Sie an Arbeit geleistet haben, ist wirklich unglaublichwird sich jetzt rasch wieder bessern. Eine große Freude würde es mir sein,wenn ich im Hochsommer, wo ich more solito auf Urlaub zu gehen gedenke,

Ihnen irgendwo, wenn auch nur für ein paar Stunden, begegnen könnte, umIhnen mündlich zu sagen, wovon mein Herz voll ist. Daß ich unter derneuen Leitung ,gute Geschäfte 1 machen werde, erscheint mir a priori kaumwahrscheinlich. Ich stehe Caprivi wie Marschall vollständig fern, und daßich manche Feinde gerade unter denjenigen habe, die jetzt im AuswärtigenAmt den Ton angeben, dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Seien Sieübrigens versichert, daß mir, was auch die Invidia von mir behaupten mag,die Sache viel höher steht als persönliche Ambitionen. Meine Wünschegehen nur dahin, daß das, was Ihr Vater geschaffen, uns erhalten bleibe:durch Eintracht zwischen allen Gutgesinnten, Weisheit und selbstloseHingabe an unseren jungen Herrn und die Nation. Ich habe amtlich