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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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VERWIRRUNG UND ERRITTERUNG

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ziemlich gut. König Carol hat kürzlich meinem Vater ein sehr innigesTelegramm auf einen längeren, eigenhändigen Brief geschickt, den er andie rumänische Majestät gerichtet hatte. Leben Sie wohl, und auf Wieder-sehen im Sommer. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck .

Mit dem badischen Staatsanwalt ist natürlich Marschall gemeint, mitdemAmanuensis des Staatsekretärs aber Holstein, in dem sich der armeHerbert so gründlich getäuscht hatte.

Von Holstein sprach mir Herbert seit seinem Sturz nie anders als mitunbegrenztem Haß. Es war jener Haß, den die Franzosenlamour tournea laigre nennen, die Reaktion gegenüber seiner langjährigen Schwärmereifür den Geheimrat von Holstein, dem blinden Vertrauen, das er vonKindesbeinen an in ihn gesetzt hatte. Er fühlte sich von Holstein hinter-gangen und betrogen. Er kam sichhereingelegt vor, um eine echt BerlinerWendung zu gebrauchen. Kiderlen war ihm nur der Landsknecht , der fürjeden ficht, der ihn gut bezahlt, jederzeit bereit, das Hemd zu wechselnund die Haut, wenn nötig. Von Phili Eulenburg sprach er mit Gering-schätzung. Der bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld habe ihm ge-sagt, daß Eulenburg sich rühme, das politische Vertrauen des FürstenBismarck besessen zu haben und von ihm politisch benutzt worden zusein.Mein Vater, sagte Herbert in fast verächtlichem Tone,hatEulenburg politisch nie au serieux genommen. Er hat nur die höfischenTalente von Phili benutzen wollen, um durch ihn auf eine verständigeHaltung des Prinzen Wilhelm hinzuwirken, bei dem sich Phili frühzeitiginsinuiert hatte, wie überall da, wo es etwas zu holen gab. Ich ging inWildbad viel mit Herbert in den schönen Wäldern spazieren, die das rei-zende Schwarzwaldbad umgeben..Es rührte ihn sehr, daß alle Welt ihnfreundlich grüßte und hier und da niedliche schwäbische Mägdelein ihmmit einem Knix Blumen überreichten.

Bei meiner Rückkehr auf meinen Bukarester Posten fand ich KönigCarol ganz unter dem Eindruck der Verabschiedung des Fürsten Bismarck .Ich habe das Unglück kommen sehen, sagte er zu mir.Sie werden sichja an alles erinnern, was ich Ihnen auf Grund der mir von Deutschland zu-gegangenen vertraulichen Nachrichten erzählte. Die Verabschiedung selbstist ein großes historisches Ereignis, zu dem man sich so oder so stellen kann,wie zu den meisten geschichtlichen Vorgängen. Aber die rücksichtslose,jeglichen Taktes entbehrende Form der Entlassung wird in Deutschland weite Kreise um so mehr verwirren und erbittern, je mehr sich darübervolles Licht verbreitet. Die Art, in der einer der größten Staatsmänneraller Länder und aller Zeiten, der größte Preuße seit Friedrich dem Großen,fortgeschickt wurde, war, unter uns gesagt, unreif, fast knabenhaft.Im Zusammenhang damit erzählte der König, was ihm von deutschen

Herbert

Bismarcks

Haß

König Carolüber dashistorischeEreignis