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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER NEFFE WILLY

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House of Commons der Erste Lord der Admiralität, Lord Goschen, einegegen den Deutschen Kaiser gerichtete, ungewöhnlich scharfe Rede undlegte gleichzeitig dem Unterhaus ein Flottenprogramm vor, durch das Eng-land in die Lage versetzt werden sollte, so viele Schilfe in Dienst zu stellenwie alle übrigen europäischen Mächte zusammen. Die Vorlage wurde fasteinstimmig angenommen. Viele Jahre später, ein Jahr vor meinem Rück-tritt, sagte der englische Botschafter in Berlin , Sir Edward Goschen, zuseinem italienischen Kollegen, der ihn zu der in den letzten Jahreneingetretenen Besserung der englisch -deutschen Beziehungen beglück-wünschte, die hoffentlich bald zu einer engen und wirklichen Freundschaftwerden würde:Von einer solchen kann seit der Krüger-Depesche kaumdie Rede sein. Man hat sie in Deutschland vergessen, oder möchte sie ver-gessen haben, aber in England denkt man an sie.

Ich habe mich noch an anderer Stelle meiner Aufzeichnungen mit derKrüger-Depesche beschäftigen müssen, die Fürst Bismarck sofort als ,.in-tempestiv bezeichnete und verurteilte. Der Prinz von Wales kam mirgegenüber später bei jedem Anlaß auf die Krüger-Depesche zurück, die ineinem spontanen Ausbruch die wahren Gefühle seines Neffen zum Aus-druck gebracht habe. Dabei habe er von verschiedenen Seiten gehört, vonenglischen Diplomaten, von Neutralen und selbst von seiner Schwester,der Kaiserin Friedrich , daß dieses vehemente, abrupte Telegramm vonHohenlohe , Marschall und Holstein dem Kaiser nur durchgelassen wordensei, weil er sich ursprünglich mit noch weit exzentrischeren Plänen ge-tragen habe. Er habe einen seiner Flügeladjutanten nach Afrika schickenwollen, um ihn dort den Buren als Generalstabschef zur Verfügung zustellen. Die Prinzessin von Wales sagte zu ihrer vertrauten Hofdame, MißCharlotte Knollys, die es mir in Sandringham wiedererzählte:In seinemTelegramm an den Präsidenten Krüger hat mein Neffe Willy uns gezeigt,daß er uns innerlich unfreundlich gesinnt ist, wenn er sich auch bei jederBegegnung mit uns in Kajolerien, Komplimenten und Versicherungen seinerLiebe und Anhänglichkeit überbietet. Sein Verhaltengegen seinen sterben-den Vater und seine Ungezogenheiten gegen seine Mutter zeigen, daß er sowenig Herz hat, wie er politischen Common sense besitzt.

Da ich nur zwei Monate im Jahr Urlaub nehmen konnte und wollte, habeich dreimal den Julimonat in Rom verbracht. Meine Frau, die, obwohlItalienerin von Geburt, die Hitze weniger vertrug als ich, suchte schonEnde Juni den Semmering auf, wo wir auf dem Gebirgssattel zwischenNiederösterreich und der grünen Steiermark im Hotel Panhans ein gemüt-liches Sommerheim gefunden hatten. Meine Strohwitwerzeit verschönten j auramir in Rom zwei Frauen, die, voneinander sehr verschieden, beide durch Minghetti -Geist und Herz hervorragten: meine Schwiegermutter, Donna Laura Acton