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Walter Rathenau und seine Verdienste um Deutschland : Vortrag / von Lujo Brentano
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ich freute mich, daß es auch in München Studenten gibt, die diesesInteresse empfinden und trotz aller Anfeindungen von gegnerischer Seitedas Bedürfnis haben, diesem Interesse Ausdruck zu geben. Und wennsie dabei zu ihrem alten Lehrer kamen mit der Bitte, zu sagen, was erüber die Sache denke, so durfte ich diese Bertrauensgewährung für einin ihrem Dienste während eines halben Jahrhunderts verbrachtes Strebennach Wahrheit nicht mit eiuer Absage lohnen. Was aber ist es, worindiese unvergleichlichen Trauerkundgebungen enden müssen, wenn sie nichtleerer Schall bleiben sollen? Darauf soll es nur die eine Antwort geben:daß wir ohne Rathenau in seinem Sinne fortwirken, um das zu erreichen,was ihm für unser Baterland vorgeschwebt hat.

Was denn aber hat Rathenau gewollt?

Rathenau war ein ungewöhnlich geistvoller Mensch, und wennes schon von minder ausgezeichneten Menschen gilt, daß sie vonWidersprüchen nicht frei sind, so erst recht für einen Mann, für denbei der Vielseitigkeit seiner Begabung das nitiil tiumsni s me alienumputo (Nichts Menschliches ist mir fremd) selbstverständlich gewesenist. Aber es gab doch eines, was alles dieses sich Widersprechende zueinheitlichem energischen Wirken vereinte: seine'alles überschattendeLiebe zu Deutschland .

So ist es für viele ein Rätsel gewesen, daß Rathenau der Grün-der von, sagen wir, rund fünfzig erfolgreichen Aktiengesellschafteneiner Philosophie huldigte, welche das Prinzip aller wirtschaft-lichen Tätigkeit, das Streben nach Verbesserung der eigenen Lageals schnöden Materialismus verurteilte. Das war das Gegenteilder Antwort, mit der einer der erfolgreichsten deutschen Großin-dustriellen, Herr Kirdorff, 1905 auf der Generalversammlung desVereins für Sozialpolitik in Mannheim , als wir für den KollektivenArbeitsvertrag eintraten, uns entgegengetreten ist:Es ist" sagteer,leider unsere Aufgabe Geld zu verdienen." Aber es gibt Zn-,niker, die vielleicht einwenden, Rathenaus Verurteilung des Materia-lismus in seinen Büchern sei nur eine ethische Floskel gewesen:daß er in der Praxis anders gedacht habe, zeigten eben die vonihm gegründeten 50 Aktiengesellschaften. Es ist jetzt ein Jahr, als ichin Berlin mit Rathenau das letztemal zusammentraf. Er war ebenWiederaufbauminister geworden und hatte an dem Tage seine Stelleals Borsitzender jener 50 Aktiengesellschaften niedergelegt. Er sprachmir davon mit dem Schmerz des großen Organisators, der die Kin-der, die er mit seinem Herzblut großgezogen, sich selbst überlassenmuß. Wäre der Gesichtspunkt des Geldverdienens für ihn maßge-bend gewesen, er wäre noch heute Aufsichtsratsvorsitzender in den

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