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Walter Rathenau und seine Verdienste um Deutschland : Vortrag / von Lujo Brentano
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wäre damit in Abhängigkeit von französischer Willkür gebracht.Von Frankreich würde es abhängen, ob wir, was wir an Nahrungs-mitteln aus dem Auslande brauchen, bezahlen können, von ihm,ob wir. die uns auserlegte Kontribution entrichten können oder nicht,um eben, wenn wir nicht zahlen, weitere Knechtung über uns zuverhängen. Aber noch mehr! Das materielle Band, das den SüdenDeutschlands mit dem Norden verbindet, ist. daß der Süden, wasKohlen angeht, vom Ruhrgebiet abhängig ist, und es hat sich schonzur Zeit der Eisnerschen Rheinbundgelüste gezeigt, und der ProzeßLeoprechting hat es aufs neue bestätigt, daß es Leute in Bayern gibt,deren Reichstreue ohne solche materielle Bänder sehr zweifelhaftwäre. PoincareMÜrde durch Besetzung des Ruhrgebietes einen mäch-tigen Hebel zur Zertrümmerung des Reiches erhalten: denn er ver-möchte durch Begünstigung in der Kohlenzufuhr vor dem übrigenDeutschland Bayern politisch in seine Gewalt bringen.

Nun gibt es unter den Gegnern der Erfüllungspolitik bei unsaußerordentlich einflußreiche Personen, deren Sonderinteressen siediese politischen Folgen einer französischen Besetzung des Ruhrbek-kens ganz übersehen lassen. So hat auf der Hamburger Tagung desReichsverbandes der deutschen Industrie in diesem Frühjahr eindeutscher Industrieller davon gesprochen, daß Frankreich nicht ruhenwerde, bis es auf das Ruhrgebiet seine Hand gelegt habe, und zwarnicht aus Gründen der Zertrümmerung der deutschen Industrie, son-dern um die dortige Industrie der französischen Forderung nacheiner Verflechtung der deutschen und der französischen Industriegünstig zu machen. Das klingt fast entschuldigend für das französi-sche Streben nach dein Ruhrgebiet . Wie die Industrie des Ruhrge-biets noch im Frühjahr 1918, als sie noch an den deutschen Siegglaubte, nach der Annexion von Briey , so streckt, da dies unerreich-bar geworden, nach der Auffassung des Hamburger Redners dasEisenerzgebiet von Briey nun seine Hand nach den Kohlen West-falens, und mit Gewalt oder durch Vertrag wolle Frankreich eineihm nicht genehme deutsche Wirtschaft völlig erledigen. Liest mandazu die Rede, die der Abgeordnete Stinnes am 20. Mai im Aus-wärtigen Ausschuß des Deutschen Reichstages gehalten hat, mandürfe sich nicht immer von der Angst vor der Entente leiten lassenund müsse unter Umständen auch die Besetzung des Ruhrgebietesmit in Kauf nehmen, so gewinnt es den Anschein, als ob die Fran->zosen keine große Ueberredungskunst mehr nötig hätten, um diesedeutsch -französische Verflechtung durch Kohle und Eisen zu erreichen.

Außer dieser Verflechtung übt aber auf viele Industrielle noch

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