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Walter Rathenau und seine Verdienste um Deutschland : Vortrag / von Lujo Brentano
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entbehrlich ist; und ohne eine solche können wir weder zur Revisiondes Bersailler Diktates noch zum Wiederaufbau Deutschlands gelan-gen. Rathenau war eine Brücke zwischen Deutschland und der En-tente, wie er eine Brücke war zwischen den sich gegenseitig bearg--,wöhnenden Linksparteien in Deutschland .

Am 21. Juni folgte dann die Rede Rathenaus im Reichstag,worin er namens der Reichsregierung erklärte, daß sie niemalsfür irgendwelche Zugeständnisse, und mögen sie noch so groß sein,damit einverstanden sein wird, daß das Rheinland , das währendder Besetzungszeit so oft seinen unerschütterlichen Willen zum Fest-halten am angestammten Vaterlande bewiesen hat, preisgegeben oderin seinem Bestände geschädigt wird. Darauf die Ankündigung'Dr.Helffenchs, daß er die heftigste Rede gegen die Regierung haltenwerde, die je aus seinem Munde gekommen sei, und am 23.Juni deren Erfüllung. In einer Hetzrede von unglaublicher Leiden-schaft verlangte Helfferich, daß Rathenau vor den Staatsgerichtshofgestellt werde wegen Fehler, die sich in die französische Uebersetzungdes deutschen Textes einer deutschen Note eingeschlichen hatten. Dader deutsche Text und nicht die Uebersetzung für uns matzgebend ist,hatte Helfferich mit wildem Geschrei gegen Einbildungen gekämpft.Am 24. Juni aber wurde Ratyenau, der. vielseitigste, gewandteste,fähigste, unentbehrlichste unserer Staatsmänner, das Opfer ruchloserMordbuben.

, Es war absurd, Helfferich wegen dieser Rede für den Mord ver-antwortlich zu machen. Aber was seitdem über die zur Einschüchte-rung politischer Gegner geschaffenen Organisationen bekannt gewor-den ist, hat in erschreckendem Maße unser aller Augen geöffnet überdie vor keiner Freveltat zurückschreckende Gesinnung, welche in wei-tem Maße im deutschen Volke um sich gegriffen hat. Es ist diesdie Folge jenes alles Maß übersteigenden Hohns, mit dem jedwedeMatznahme der Reichsregierung von ihren Gegnern in den Kot ge-zogen wird. Die Gesellschaftsklassen, die früher die Macht bei unsin Händen hatten, können deren Verlust nicht verwinden, und wie inPreutzen noch während des Krieges aus Zunkermund das Wort fiel,die Ersetzung des Dreiklassenwahlrechts durch das allgemeine Wahl-recht sei so schlimm, wie wenn der Krieg verloren würde, so hassensie heute den inneren politischen Gegner mehr als den äußeren Feind.Daher ist jene Mordatmosphäre entstanden, welche die Untersuchun-gen der letzten drei Wochen enthüllt haben. Zweifellos hat die Hal-tung der französischen Regierung, die Deutschland keinen Erfolggönnen wollte, den Einfluß der deutschen Reaktionäre sehr gestärkt.

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