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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Aus diesem Handwerk hätten sie ihren Hauptunterhalt gezogen, ohne daßauf ihm irgend ein Schimpf gehaftet hätte. Ebenso finden wir, wie obendargelegt worden ist, bei den Germanen als den ersten organisierten Er-werbszweig den Krieg; und Erwerbstätigkeit ist er ja auch noch dasganze Mittelalter durch geblieben.

Vermochte sich der Fremde aber zu verteidigen, so trat an die Stelledes kriegerischen Verkehrs mit Fremden der Handel. Es entstanden Märkte,auf denen der Austausch stattfand. Sie waren unter den Schutz besondererGottheiten gestellt. Allein wenn man da, wie schon S. 15 bemerkt, demFremden auch nicht mit Lanze und Schwert gegenüber trat, der Fremdeblieb immer der Feind. Der Güteraustausch mit ihm wurde daher nichtbeherrscht durch das Herkommen, sondern durch das Streben, den nachLage der Umstände größtmöglichen Vorteil zu ziehen. Die Gottheit, unterderen Schutz die neutralen Märkte gestellt waren, war der Merkur, der Gottder Gesandtschaften, der Kaufleute und der Diebe. Es galt nicht als Schande,den Fremden in diesem Verkehr zu übervorteilen ; im Gegenteile, die Über-listung desselben galt als Tugend. Damit steht die große Unehrlichkeit derKaufleute aller Länder auf niedriger Kulturstufe in Zusammenhang und dieVerurteilung des Handels durch die Kirchenväter, die lehrten, daß beimHandel der Gewinn des einen nicht möglich sei ohne Verlust des anderen.

So ist das Streben nach Wahrnehmung des größtmöglichen Vorteilsim Wirtschaftsleben zuerst im friedlichen Handelsverkehr mit dem Fremdenentstanden. Allein dieses Prinzip blieb auf das Gebiet des auswärtigenHandels beschränkt, solange die Volkswirtschaft noch wesentlich nur fürden eigenen Bedarf produzierte. Solange blieb im inneren Handel und Ver-kehr, in Gewerbe und Landwirtschaft die Herrschaft von Autorität und Her-kommen bestehen. So waren die Preise, die der mittelalterliche Kaufmannvon seinen Stadtgenossen nehmen durfte, behördlich geregelt. Die Stadtbildete eben im Mittelalter noch eine Wirtschaftseinheit, deren Mitgliedersich nicht nur nach Außen hin als ein Ganzes fühlten, sondern auch inihren inneren Beziehungen einander nahe standen. 1 )

r ) So ist es noch heute innerhalb der indischen Dorfgemeinschaft. In Indiensind noch heute die Preise für die Güter, die innerhalb des Dorfes selbst hergestelltwerden und an Dorfgenossen abgesetzt werden, dieselben wie sie seit Jahrhundertengewesen sind, so z. B. für Schuhe; dagegen ist das Getreide, das von fremden Ge-treidehändlern herbeigeführt wird, den größten Preisschwankungen unterworfen. Anjenen Preisen zu ändern, gilt als schimpflich; bei diesen gilt das Schwanken alsselbstverständlich. Vgl. H. S. Maine , Village Communities, S. 192 ff.