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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Anders im Innern einer Wirtschaftseinheit. Wo immer und insoweiteine Mehrheit von Personen zusammen eine Wirtschaftseinheit bildet, werdenderen Beziehungen zu einander nicht von der rücksichtslosen Geltendmachungdes eigenen Vorteils, sondern durch Autorität und Herkommen bestimmt.

In dem Maße aber, in dem diejenigen, welche früher unter einer Wirt-schaftseinheit mit einander verbunden waren, zu selbständigen Wirtschafts-einheiten werden, wird das Prinzip, das von Anfang an das Verhalten derWirtschaftseinheiten nach außen beherrscht hat, auch für ihre Beziehungenzu einander maßgebend: das Streben nach dem größtmöglichen Vorteil.

Die Wandlung tritt ein, sobald eine Wirtschaft aufhört, eine sich selbstgenügende, abgeschlossene zu sein, sobald sie in Verbindung tritt mit Frem-den. Das geschieht durch den Handel.

So lange das Volk, der Stamm, das Geschlecht die Wirtschaftseinheitenwaren, gab es innerhalb derselben keinen Handel; ebensowenig innerhalbder Markgenossenschaft, der Grundherrschaft, der ihr untertänigen Dorf-genossenschaft. Die Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder waren die derEinheit. Sie bestimmte, was jedes Mitglied nach Maßgabe der herkömm-lichen Ordnung erhalten sollte. In sich selbst genügenden Wirtschaften wur-den die geringen Bedürfnisse aller Mitglieder befriedigt. Handel fand bloßmit Angehörigen fremder Wirtschaftseinheiten statt, wenn solche gelegent-lich mit Gütern nahten, mittels deren sie die Begehrlichkeit und neue Be-dürfnisse weckten, um das, wonach sie verlangten, zu erhalten. So machtenes Phöniker, Griechen und Römer, als sie mit den primitiven gallischen undgermanischen Völkerschaften in Handelsverkehr traten, so verhielten sich diesyrischen und jüdischen Händler zu den großen Grundherren der Mero-winger - und Karolingerzeit, und so machen wir es heute noch im Verkehrmit unzivilisierten Völkern und Stämmen.

Der Fremde aber war der Feind. Ursprünglich war der Verkehr mitihm nur kriegerisch. Fühlte man sich stärker wie er, und war sein Landfruchtbarer als das eigene, so suchte man es ihm zu nehmen. Daher, wieThukydides schreibt, der anfänglich häufige Wechsel der Bewohner der-jenigen griechischen Landschaften, die sich durch Fruchtbarkeit auszeichneten.Vermochte man ihn nicht zu vertreiben, so unternahm man Raubzüge zu Wasserund zu Lande. So berichtet Thukydides von den an der Meeresküste woh-nenden Hellenen, daß sie anfänglich auf Seeräuberei sich verlegten und daßsie auch auf dem Festlande einander ausraubten. Es geschah dies unterFührung der Mächtigen, der Grundherren, teils weil diese sich selbst be-reichern teils weil sie den von ihnen Abhängigen Nahrung schaffen wollten.

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