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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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sichern, darunter auch den, den Wunsch des ägyptischen Sultans zu erfüllen! 1 )Es war ihm nicht schwer, die vornehmsten Kreuzfahrer, die sich von demZug nach Konstantinopel reiche Beute, Herrschaften und Fürstentümer ver-sprachen, zu gewinnen. Schon beim ersten Kreuzzug hatte der Brief desAlexios I. an den Grafen von Flandern, worin er die Schätze Konstantinopelsund die Schönheit seiner Frauen an pries, um das Abendland zum Beistandgegen die Seldschulcen zu verlocken, eine Rolle gespielt. Dann hatte Boe-mund, der Fürst von Antiochien , auf seiner Agitationsreise zu Gunsten derKreuzzüge als Lohn der Beteiligung die reichsten Städte in Aussicht gestellt,worauf Viele, wie Ordericus Vitalis schreibt, »als ob sie zu Festmahleneilten, den Weg nach Jerusalem einschlugen«. 2 3 ) Die Normannen und dannwieder Kaiser Heinrich VI. hatten n'ach dem griechischen Thron als dembegehrenswertesten Ziele gestrebt. Hat doch »das ganze Mittelalter«, wieCharles Diehl schreibt, »von Konstantinopel als der Stadt der Wunder ge-träumt, die es in einer Goldspiegelung erblickte. Man träumte davon in denkalten Nebeln von Norwegen und an den Ufern der russischen Flüsse, aufdenen die nordischen Abenteurer hin gegen das unvergleichliche »Tsarigrad«herabfuhren; man träumte davon in den Burgen des Abendlandes, wo dieTroubadours von den Wundern sangen, welche den kaiserlichen Palastschmückten, von den bronzenen Kindern, die ins Horn stießen, und dem sichdrehenden Saale, welchen die Wellen des Meeres bewegten, und dem leuch-tenden Karbunkel, der des Nachts die Gemächer erhellte. Man träumte davonauch in den Kontoren Venedigs, wo man berechnete, daß die Kaiser ausihrer Hauptstadt allein ein jährliches Einkommen von 8300000 Goldsolidizogen, mehr als 550. Millionen Franken von heute.« Die Aufforderung KönigPhilipps gen Konstantinopel zu ziehen, brachte die Besitznahme dieser Wunder-stadt in den Bereich des Möglichen. Um den Papst aber hatte sich Dandolo schon nicht gekümmert, als dieser gegen die Ablenkung des Kreuzzugsgegen Zara protestiert und die Kreuzfahrer, die trotzdem gegen Zara zogen,exkommuniziert hatte; jetzt, als er abermals empört war, daß die dem Bannkaum Entronnenen den Zug nach Ägypten aufs Neue zurückstellten, be-

*) Da, wo Ernoul von der Abfahrt der Flotte spricht, bemerkt er: »Or, eurentbien oi la priere et la requeste que li Soudan dEgypte lor fist quil detournassentles pelerens ä mener ä Alixandre dont je vous parlai ci-devant.« Chronique dErnoulet de Bernard le Tresorier, par L. de Mas Latrie, Paris 1871, p. 362.

2 ) Vgl. oben S. 27 Anmerkung 1. G. Hopf, Geschichte Griechenlands imMittelalter im 85. Band d. Allg. Encyklopaedie von Ersch und Gruber, S. 144, 151.

3 ) Ch. Diehl, Etudes Byzantines. Paris 1905, p. 12.