Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
197
Einzelbild herunterladen
 

197

Mysterien voll, mehr wie jede andere den Sinn der Menschen für die Aner-kennung Gottes in den Erscheinungen der Sinnenwelt erschlossen hatman denke nur an Franziskus von Assisi, Jesus von Nazareth , hat sich inder Wüste vierzig Tage und vierzig Nächte für seine Laufbahn vorbereitet.

Was ist es ferner für eine wissenschaftlich unwürdige Effekthascherei,wenn Sombart das städtische Leben, in welches die Juden in Folge ihrerFortführung nach Babylon versetzt worden seien, als Fortsetzung des Lebensin der Wüste hinstellt. Es wird damit der Einfluß der Wüste auf Denkenund Empfinden dem der Stadt gleichgestellt. Beide sind aber einandervöllig entgegengesetzt, und die Kinder der Wüste empfinden den Gegen-satz zur Stadt ganz in der gleichen Weise wie die germanischen Anwohnervon Wald, Sumpf und Feld. Zum Beleg hiefür sei mir gestattet die Strophenhierherzusetzen, in denen Abd el Kader diese Empfindungen in einer Weisezum Ausdruck gebracht hat, welche gleichzeitig Sombarts Satz, die Wüstesei der Sitz des abstrakten Denkens statt des konkreten Empfindens aufsbündigste widerlegt. Sie lauten:

»O Du, der begeistert preist den Aufenthalt in den Städten und das Lebendes Nomaden in der Wüste schmähst, tadle nicht die Zelte ob ihrer Gebrechlich-keit, lobe nicht die Häuser aus Stein und Lehm gebaut.

»Hättest Du einmal in der Frühe auf einem Hügel der Sahara gestanden, unterDir Sand, schimmernd wie Perlen, oder wärest Du gewandelt auf dem Teppich derOase, bunt leuchtend von Blumen und voll berauschenden Dufts, so hätte DeineSeele Kraft getrunken in ihrem Hauch.

»Hättest Du einmal am Morgen, nach reichlichen Regenschauern, von einerHöhe über die Ebene hingeblickt, so würdest Du die Antilopen gesehen haben,wie sie von allen Seiten gleich Traumerscheinungen auftauchen und schwinden unddie würzigsten Kräuter abweiden.

»Süße Ruhe! Das Herz, in das Du eingezogen, kennt kein Leid mehr; vonTrauer überflutet, kennt es keine Sorgen«.

Das sind aber nicht etwa Empfindungen eines durch harte Schicksals-schläge lebensmüde Gewordenen; es kommt in diesem Gedichte die Denk-weise aller Wüstenbewohner zum Ausdruck. In demselben Buche, dem ich esentnommen habe, finde ich die folgende Beschreibung 1 ) der Geistesbeschaffen-heit der Bevölkerung eines arabischen Dorfes im französischen Nordafrika :

»Wir haben da die Nachkommen des phantasiereichsten Volkes, das die Erdegetragen, vor Augen: ihre Tracht, ihre Sprache, ihre Sitten, nichts hat sich seit denTagen der Kalifen geändert, und, glaubt mir, auch ihre Intelligenz ist nicht etwaverschwunden wie eine Quelle, die im Sande versickert. Gewiß, diese ihre Intelli-genz ist weit von der unseren verschieden. Ich bestreite nicht ihre Mängel, ihre

J Jerome et Jean Tharaud, La f§te arabe, 3. ed., Paris 1912, pp. 64ff.