Die byzantinische Volkswirtschaft. 205
austeilen lassen. Die Provinzen hatten zu diesem Zweckihre Abgaben zum Teil in Früchten zu leisten. Justinian ,der für seine Kriege, für Tribute an Barbaren, um sie vonEinfällen ins Reich abzuhalten, und für Bauten außerordent-lich viel Geld brauchte, hat diese unentgeltlichen Spendenin ihr Gegenteil: in Erpressungen verwandelt. Er bestimmte,daß der Untertan von keinem Bauer Getreide kaufendürfe; er mußte seinen Bedarf von den kaiserlichen Finanz-beamten kaufen, und in den Jahren der Not wurde dasGetreide den bedrängten Städten um das Doppelte desPreises verkauft, der den Bauern als Steuer angerechnetworden war. So ist es dann auch unter seinen Nachfolgern,sicher bis zum ersten, vielleicht bis zum vierten Kreuzzuggeblieben 1 ). Dabei haben sich dann auch die kaiserlichenBeamten bis hinauf in die höchsten Stellen auf Kosten desVolkes bereichert. So Leo Phokas, der Bruder des KaisersNikephoros II. Phokas. Unter der Regierung des letzterenwurde der Getreidepreis so hoch getrieben, daß ein Greismit weißen Haaren, wie erzählt wird, um seinen Unterhaltzu finden, sich als Soldat anwerben lassen wollte. Nike-phoros frug ihn, wie er bei seinem Alter dazu komme.„Majestät“, antwortete der Greis, „ich muß viel stärkerwie früher geworden sein. In meiner Jugend hatte ich zweiEsel nötig, um das Getreide zu tragen, das ich für einGoldstück kaufte; aber seit Beginn Euerer glücklichen Re-gierung trage ich leicht auf meinen Schultern, was michdas Doppelte kostet“ 2 ).
Aber auch im übrigen war Konstantinopel das Paradiesder Monopole. Nach dem Livre du prefet 3 ) aus der Zeit
1) Vgl. K. D. Hü 11 mann, Geschichte des byzantinischenHandels bis zum Ende der Kreuzzüge. Frankfurt a. O. 1808,S. 11—17.
2) Lebeau, Histoire du Bas-Empire. Paris 1773. XVI,125, 126.
3) Siehe J. Nicole, Le livre du prefet ou l’edit de l’em-pereur Leon le sage sur les corporations de Constantinople.Geneve et Bäle 1894. — Albert Stöckle, Spätrömische undbyzantinische Zünfte. Untersuchungen zum sog. ercapxtxöv ßißkiovLeos des Weisen. Leipzig 1912. (Klio, Beiträge zur alten Ge-schichte. Neuntes Beiheft.)