206 Die byzantinische Volkswirtschaft.
Leos des Weisen (886) gab es Zünfte in Konstantinopel.Sie standen unter der Aufsicht des Polizeipräsidenten derStadt, des praefectus urbi. Zunft und Stadtverwaltungwirkten zusammen^ zur Regelung von Produktion und Ver-kehr. Art und Weise, Zeit und Ort des Einkaufs der Roh-stoffe waren genau bestimmt. Der Präfekt und sein Lega-tarius bestimmten die Preise und den Gewinn der Wieder-verkäufer. Der Zunftvorstand verteilte die Ware an dieZunftgenossen nach Maßgabe der von den einzelnen ent-richteten Summen. Die Menge von Produkten, die jederzum Verkauf bringen durfte, war kontingentiert. Die ein-zelnen Gewerbetreibenden waren beschränkt auf gewisseTeile der Stadt. Also sowohl Produktions- als auch regio-nale Kontingentierung, ganz wie in einem modernen Kartell.In anderen Gewerben waren die einzelnen Gewerbetreiben-den durch Minimaldistanzen voneinander entfernt. Die Ge-werbetreibenden hatten Eintrittsgelder beim Eintritt in dieZunft zu zahlen und Bürgen beim Eintritt zu stellen.
Sehen wir hier schon die Zunftorganisation, wie sie imAbendland während des späteren Mittelalters bestand, voll-kommen ausgebildet 1 ), so kann es um so weniger wunder-nehmen, daß wir auch im Handel ähnliche Beschränkungenzugunsten der einheimischen Bürger vorfinden, als uns dieseja schon im alten Ägypten, in Athen zur Zeit des Solon und in der Zeit des Demosthenes begegnet sind. Wie inAthen und Ägypten , bestand man in Byzanz darauf, daß die
1) Carl Koehne hat in seiner sehr wohlwollenden Kritikdieses Kapitels über die byzantinische Volkswirtschaft (Mit-teilungen a. d. historischen Literatur XLVII, 169) meinem imTexte wiedergegebenen Satze gegenüber geltend gemacht, daßdie Handwerkerverbände des Byzantinerreichs unter schärfsterPolizeiaufsicht gestanden haben, während im Abendland für dieZünfte jener Zeit die Selbstverwaltungs- und politischen Rechtecharakteristisch seien. Ich gebe letzteres für die deutschen Zünftezu, nicht in gleichem Maße für die englischen. (Vgl. das 13. Ka-pitel meiner Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung Eng-lands I, 315 ff). Wenn aber auch nicht politisch, so war diebyzantinische Zunftorganisation doch wirtschaftlich dieselbe wiein Westeuropa.