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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Reich hat sich der Lohn der Landarbeiter in Posen vondem zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts bis zumgroßen Aufschwung nach dem deutsch -französischenKriege nicht verändert, trotz aller dazwischenliegendenÄnderungen in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Eshandelte sich hier eben nicht um Robinsons, die wiein der klassischen Nationalökonomie erwägen: ist esvorteilhafter für mich, Beeren zu pflücken oder durchAnfertigung einer Steinaxt das erste Kapital herzu-stellen, sondern um Arbeiter, die, eben von der Hörig-keit befreit, sich in ihren wirtschaftlichen Erwägungennach wie vor durch das Herkommen leiten ließen. Inanderen Gegenden, wie z. B. in den Fabrikdistriktendes Elsaß, wo von alten Hörigkeitsreminiszenzen keineRede sein kann, hat die Fesselung der Arbeiter durchKassen und andere sogenannte Wohlfahrtseinrichtungenvielfach eine ähnliche Stetigkeit der Lohnsätze erzielt.Wo aber der kurzlebige Dienstvertrag allein die Be-ziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter bestimmt,hat, wo nicht politische Hemmnisse im Wege standen,das Selbstinteresse die Arbeiter statt zu der vonder klassischen Nationalökonomie vorausgesetzten Kon-kurrenz zu Koalitionen geführt, welche bei der Lohn-bestimmung dann vielfach maßgebend geworden sind.Jene absolute Konkurrenz zusammenhangsloser indivi-dueller Arbeiter fand ich dagegen nur bei ganz ge-schichtslosen Arbeiterklassen auf der Stufe ärgsterwirtschaftlicher Verwahrlosung, wie z. B. hei jenenUnglücklichen, die sich um die Hafentore im Ostende von London drängen.

Dementsprechend fand ich nur unter diesen undanalogen Verhältnissen die Arbeiter auf jenes äußersteMinimum der Lebensnotdurft beschränkt, um welchesnach der klassischen Nationalökonomie der Lohnsatzallzeit herumtanzt. Dagegen fand ich, daß dem von