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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 43

hatte zur Voraussetzung, daß die Mehrzahl nicht danachlebte, wenn anders die Menschheit nicht in Mönchs-klöstern aussterben sollte. Im direkten Gegensatz zurvorgeführten Lehre führte die Entwicklung zu immerschärferer Durchführung des Prinzips des Eigennutzesim Wirtschaftsleben des einzelnen.

Das Eigentum entwickelte sich zu immer größererVerfügungsfreiheit des einzelnen über seine Habe. DieKirche selbst wurde, nachdem sie aus einer Verfolgtenzur Beherrscherin des Staates geworden war, nur all-zusehr in das Irdische- verstrickt. Die Besitztümer,die ihr eben infolge ihrer Eigentumslehre übertragenwurden, machten sie allenthalben zum größten Eigen-tümer, und der schnelle Verfall der kirchlichen Armen-pflege zeigt, daß sie selbst ihr Eigentum keineswegsin strenger Befolgung ihrer Eigentumslehre verwaltete 1 ).Da flüchtete die von der Kirche verlassene Entsagungsich in die Klöster. Indes auch hier zeitigte derWiderspruch der dargelegten ethischen Postulate mitden natürlichen Grundlagen der Gesellschaft die un-vermeidlichen Folgen. Auf eine kurze Blütezeit desIdeals folgte allenthalben eine lange Zeit des Verfalls.Daher die Notwendigkeit fortwährender Erneuerungender Orden, deren Wirkung doch nur kurze Zeit vor-hielt, worauf wieder neue Anläufe notwendig wurden,sie zu ihrem Anfang zurückzuführen 2 ). In der kirch-lichen Lehre aber führte die Entwicklung zu einerbemerkenswerten Milderung der ursprünglichen Strenge.Nicht als ob der Kampf gegen das Streben nach demgrößtmöglichen Gewinne aufgegeben worden wäre. Die

') Vgl. Ratzinger, Geschichte der kirchlichen Armenpflege.Freiburg i. B. 1868.

*) Vgl. schon Macchiavelli , Discorsi sopra la prima deca diTito Livio, III. Einleitung.