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Lujo Brentano
Kirche predigte nach wie vor die Entsagung als dasIdeal. Aber als einige Extreme die christliche Weltin strenger Übereinstimmung mit dem Evangelium zuorganisieren bemüht waren, wurden sie verfolgt, ex-kommuniziert und verbrannt 1 * ). Die praktische Rich-tung behielt die Oberhand. Ihr dienten die Kommentarezu der neu bekannt gewordenen Ethik und Politik desAristoteles, insbesondere die des Thomas von Aquin .
Vor allem zeigt sich der Einfluß des Aristoteles in seiner Beurteilung des Eigentums. Gewiß, derGrundgedanke der Auffassung, der Kirchenväter wirdprinzipiell festgehalten. Das Eigentum steht nachwie vor allein bei Gott; aber den Menschen ist derGebrauch gegeben a ). Und während die Kirchenväterlehren, daß nach natürlichem Rechte alle Güter ge-mein seien, und im Privateigentum nur ein notwendigesÜbel erblicken, sucht der heilige Thomas ihre extremenAussprüche milder zu deuten 3 ); auch heiße, wenn mansage, daß von Natur alle Dinge gemein seien, diesnicht, daß das Naturrecht den gemeinsamen Besitzaller Dinge verlange und das Privateigentum verbiete,sondern nur, daß die Teilung der Güter nicht aufNaturrecht, sondern auf positivem Rechte beruhe, unddem entsprechend sei das Privateigentum nicht im Wider-spruch mit dem Naturrecht, sondern es sei durch die mensch-liche Vernunft dem Naturrecht hinzugefügt 4 ); als Gründeaber, warum das positive Gesetz das Privateigentum ein-geführt habe, bezeichnet er den gemeinen Nutzen, dasindividuelle Interesse und das Interesse der Sache selbst 5 ).