Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 45
Dieselbe Wandlung tritt uns in der kirchlichenBeurteilung des Handels entgegen. Im Gefolge derKreuzzüge hatte der Handel einen unerhörten Auf-schwung genommen. Das Land, in welchem das Ober-haupt der Kirche seinen Sitz hatte, war der Mittel-punkt des Welthandels geworden. Seine Städte warenaufgeblüht und in ihnen die Geld Wirtschaft, und mitdiesem Aufblühen war der Triumph der Kirche überdas Feudal wesen und den Kaiser aufs engste verknüpft.Naturgemäß war gleichzeitig auch das römische Hecht,das den Handel rechtfertigte, wieder zur Geltung ge-langt. War es da möglich, daß die Kirche bei demUrteil der Kirchenväter über den Handel verblieb?
Noch gleichzeitig mit dem hl. Thomas hatte derDominikanergeneral Haimund von Penriaforte gelebt,der alle unterschiedslos verdammt hatte, welche Güterkauften, um sie teuerer wieder zu verkaufen * 1 ). BeiThomas von Aquin dagegen ein entschiedenes Suchennach einem Kompromiß mit dem Leben 2 ). An sich,so lehrt er, haftet dem Handel zwar ein gewisserMakel an, insofern sein Ziel der Gewinn ist. Wenn-gleich, fährt er fort, der Gewinn seinem Begriffe nachnichts Ehrenvolles oder Notwendiges mit sich führt,enthält sein Begriff doch auch nichts Fehlerhaftes undnichts, was der Tugend entgegen wäre. Darum stehtnichts im Wege, ihn mit einem notwendigen oder ehren-vollen Ziele zu verbinden. So erscheint ihm denn derHandel erlaubt, wenn einer einen mäßigen Gewinn,den er durch Handel erwirbt, zum Unterhalt seinesHauses oder zur Unterstützung der Dürftigen bestimmt,oder auch, wenn jemand Handel treibt wegen seinesöffentlichen Nutzens, damit nicht die notwendigen Güter
*) Vgl. Henrici a Gandavo, Aurea Quodlibeta. Venetiis 1613
i. f. quodl. 1, qu. 40 f. 43.
3 ) Summa Theol. 2» 2 ao qu. 77.