Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 73

werbszweige sittlicher als andere und deshalb besondererBegünstigung wert seien; Institutionen, welche unent-behrliche Funktionen in unserem Wirtschaftslebenerfüllen, wurden als Griftbaum bezeichnet und in derErfüllung ihrer Aufgabe durch Gesetze zu behindernversucht; Betriebsformen, welche mit der Konzentrationdes Wirtschaftslebens, zu welcher unsere Entwicklungnotwendig geführt hat, in engstem Zusammenhangstehen, werden als hassenswert hingestellt, und sogarvon der Sittlichkeit des im Wirtshaus getrunkenenBiers und der Unsittlichkeit des Flaschenbiers hatman gesprochen. Und während die fortschreitendeWirtschaftswissenschaft uns zu der Erkenntnis geführthatte, daß der Handel den beiden Tauschenden Vorteilbringe, indem er einem jeden für das, was er wenigerbraucht, das gebe, was seinem Bedürfnisse in höheremMaße dient, haben wir den Bückt all in jene Anschauungerlebt, welcher der hl. Hieronymus den klassischenAusdruck verliehen hat: Nisi alter perdiderit, alternon potest invenire. Dem entsprechend gilt es wiederals höchste Aufgabe der Handelspolitik, den Mit-kontrahenten zu übervorteilen, und manche handels-politischen Lehren erinnern mehr an einen Unterrichtin der Roßtauschkunst als an eine Anweisung zumVerständnis der Kausalzusammenhänge, welche deninternationalen Austausch der Güter beherrschen. Undall dies im Namen der Sittlichkeit! Haben wir eshier mit volkswirtschaftlich reaktionären Strömungengegenüber einer durch die Natur der Dinge gebotenenEntwicklung zu tun, so begegnen wir gleichzeitigentgegengesetzten revolutionären unter den neu auf-strebenden Klassen und ihren Vertretern. In Plänenvon sich überstürzendem Ungestüm verlangen sie, daßder Staat eingreife, um die Naturbasis der Gesellschaft,die Ungleichheit, zu beseitigen. Also rechts und links