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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Anrufung der Staatsgewalt, die über allen zu stehenbat, um ihre Macht in den Dienst von Sonderinteressenzu stellen und diese zum Triumph über die Interessendes Ganzen zu führen. Ein betrübender Anblick fürden Vertreter der Wissenschaft! Ist dieses wildeDurcheinander sich widersprechender Meinungen dasEndergebnis mehr als zweihundertjähriger selbstloserForschung nach Wahrheit? Und doch darf uns diesesErgebnis nicht überraschen. Hat doch schon Hobbes L )auf die Frage, warum auf mathematischem Gebietedas logische Denken zu so großen Ergebnissen kommt,die Antwort erteilt, weil hier Wahrheit und Interesseder Menschen einander nicht gegenüberstehen. Dassei hingegen der Fall, wenn man, anstatt Linien undFiguren, Menschen miteinander zu vergleichen unter-nehme; sogleich stoße man auf ihr Hecht und ihrenVorteil und werde zurückgestoßen.Denn so oft,fährt er fort,die Vernunft gegen einen Menschen ist,so oft wird der Mensch gegen die Vernunft sein.

Verehrte Kommilitionen! Nach dem Wunsche desStifters unserer Universität habe ich am Schlüsseunserer festlichen Versammlung Worte der Ermahnungan Sie zu richten. Welche Mahnung ergibt sich ausdem, was ich Ihnen vorgetragen habe ? Nicht, daßSie die Ideale, die Sie heute beseelen, aufgeben sollen.Selbst wenn ich nicht wüßte, daß jede solche Mahnungfruchtlos sein würde, würde ich sie nicht aussprechen,da ein Aufgeben Ihrer Ideale in keiner Weise wünschens-wert ist. Wir brauchen Ihre Ideale, um üble Begleit-erscheinungen unserer Wirtschaftsentwicklung zu über-winden. Aber einen Schluß sollen Sie aus meiner Be-trachtung ziehen. Wie die Erscheinungen der Natur,so sind auch die Ordnung im Wirtschaftsleben und die

*) Elements of Law, Ep. ded.